Weltenende à la Dürrenmatt

Die Welt fragt nicht, wer ich bin, nur wie ich hineinpasse.
Die Welt fragt nicht, wohin ich will, nur wie ich funktioniere.
Ich bin unzufrieden mit mir. Ich will die Welt einladen zum Tee, oder zu einer Orgie.
Ich bin unzufrieden mit allen, ich will Menschen einladen, zum Gespräch, zum Tanzen, zum miteinander Lachen.
Ich bin unzufrieden mit allem, ich möchte nicht mehr fühlen. Schalt es ab, ohne mich abzuschalten; dieses Gefühl, dass da mehr sein könnte, als da ist.
Ich will endlich zufrieden sein mit unendlichem Konsum endlicher Güter, mit Katalog-Apps für passende Partner, mit dem Arbeiten für den Weltuntergang, mit „Hans im Glück“ auf Unglücklich, mit „Such dir was aus, aus dem Wust an Gleichem“, mit „Was nicht passt, wird passend gemacht“, mit Ignoranz bis zum Erbrechen, mit „more of the same, everyday, ‚till the end of days.“
Ich will endlich nicht mehr so verdammt den Durchblick haben, was hier gerade passiert.
Warum habe ich Dürrenmatts „Der Tunnel“ nicht vergessen? Warum träume ich davon? Träume ich?
Johanna nion Blau, 21.07.2025

„Nie wieder“ ist jetzt

Ein Auto fährt unter meinem Fenster vorbei, daraus ertönt: „Fuck you I won‘t do what you tell me!“ Der Song heißt „Killing in the Name“, die Band, die ihn in den 1990ern geschrieben hat und damit aufgetreten ist, heißt: Rage Against The Machine. Gerade befinde ich mich in einem Zustand, der schwer zu fassen ist; kurz vor der Resignation, kämpferisch auf meine Art noch und mit weitestgehend klarem Verstand, versuche ich die komplexen Zusammenhänge zu verstehen, die auf unsere Gesellschaft und Umwelt gerade einwirken. Ich schaue mir Dokumentationen an, scrolle durch Instagram und lerne investigative bürgerjournalistische Kooperativen wie Bellingcat kennen. Dann sehe ich erschütternde Videos von Menschen in den USA, die um die Einhaltung der Menschenrechte in ihrem Land bitten und Leute weltweit darauf aufmerksam machen, was in den USA gerade abläuft. Eine heldenhafte Person stellt sich der ICE entgegen mit ihrem Smartphone und hat Erfolg. Andere weinen in ihren Autos und machen auf katastrophale Entscheidungen der US-Regierung aufmerksam, die sie meist selbst in großen Ausmaßen betreffen. Mich bewegt die Unmittelbarkeit dieser Nachrichten von betroffenen Menschen, die zeigen, wie einer der mächtigsten Staaten der Welt vor den Augen der Welt in eine faschistische Gesellschaftsordnung umgewandelt wird. Und alle schauen zu?

Gestern bei einem Konzert in Connewitz, waren nur wenige Leute im Publikum. Doch die Band „War/Plague“ hat mich trotzdem oder gerade deswegen mitgerissen. Die Angst und Wut, die Sorgen und Hoffnungen, welche ich hege wegen aktueller politscher Entwicklungen weltweit, das alles kam hoch, da die Band es mit ihren Songs geschafft hat, das alles in mir zu aktivieren nach und nach. Es war eine kathartische Reise innerhalb einer halben Stunde. Ich musste an die USA denken. Die Band selbst kommt aus Minneapolis. Wie lange haben Menschen wie sie davor gewarnt, was jetzt wahr geworden ist und noch wahr werden könnte?

Schon lange nagte der Kapitalismus in der patriarchalen Ordnung, in der wir alle organisiert sind, an den Menschenrechten, an der Gewaltenteilung des Staates und am Schutz unserer natürlichen Ressourcen und schon lange wurde von einigen wenigen reichen und mächtigen Menschen versucht, die Menschheit zu spalten und die Deutungshoheit über die Wahrheit zu erlangen. Ich sage von mir nicht, dass ich das alles durchschaue oder alle Antworten habe. Ich schreibe aus dem Impuls heraus, meine Gedanken zu sortieren und für mich klar zu bekommen, was hier gerade passiert. Und ich komme zu dem Schluss, wie viele andere antifaschistisch denkende Menschen: „Nie wieder“ ist jetzt!.

Das, was weltweit in verschiedenen Ausprägungen und Ausmaßen gerade geschieht, ist ein gewaltiger Wendepunkt.  Wir Menschen, welche jetzt leben, haben meiner Meinung nach die Verantwortung, sich dem versuchten Umsturz von Demokratien, der Verbreitung von Desinformationen und den offenen Drohungen gegen freiheitliche Gesellschaften entgegenzustellen. Was uns sonst droht, das steht vielleicht schon in Büchern wie 1984 von George Orwell, Huxley‘s „Schöner Neuer Welt“ oder in Margaret Atwood’s „Der Report der Magd“. Die Dystopien drohen Wirklichkeit zu werden, gerade weil darin Sachverhalte beschrieben werden, die irgendwo und früher schon einmal passiert sind. Orwell sagte einmal, sein Buch war nicht als Anleitung gedacht und ich geh mit Prof. Dr. Maja Göpel mit, die bei der Re:publica‘25 in ihrer tollen Keynote Rede unter anderem sagte, es braucht eine Aufmerksamkeitsökonomie hin zu dem, was zukunftsfähig und friedfertig ist. https://www.youtube.com/watch?v=f24LHpFbga8 Her mit dem schönen Leben ist keine leere Phrase für mich. Aber wir müssen auch Zeug*innen sein, von dem, was gerade passiert und auch immer bereit uns auf die Seite der Menschen zu stellen, die marginalisiert werden, die verfolgt, verletzt, getötet werden, in den Selbstmord getrieben werden und auf die Seite derer die verschwinden, ohne eine letzte Nachricht hinterlassen zu können. Und am Ende könnte es uns treffen. Die Menschen in den Instagram Posts, die ich mir anschaue, die vor Ort als Zufallsjournalist*innen von Unrecht, von Gewalt und von Verzweiflung berichten, diese Menschen könnten bald wir selbst sein. Deswegen gibt es gerade für mich keine Nichtbetroffenheit. Die Bedrohung ist global, die Antwort muss ein Zusammenhalt sein, der sich über den Globus spannt, eine Solidarität, die uns alle eint und eine Stimme die vielfältig in den schönsten Tönen antwortet auf das Grau der Anzüge , der Uniformen und Dienstwagen und die einheitliche arbeitssame Stille, die uns allen droht, wenn wir denn fähig sind zu folgen.

Johanna nion Blau, 11.07.2025

Wenn ich will

Ich will, wen ich will.
Das ist Wahrheit und es tut weh.
Wen ich will, das ist nicht schwer zu verstehen.
Mein Wille bin ich und in den Traumfugen der Zeit,
Verkleidet sich ein Narr, um meine Wünsche zu erfüllen.
Semikolon; so viele gute Menschen wollen nicht mehr fühlen.
Haben zum Glück überlebt, hab überlegt in mir noch mehr zu wühlen.
Ich bin startklar, aber das Benzin ist aus. Ins Meer tauche ich an den Turbinen vorbei.
Rauschen in den Ohren, ich bin frei. Solange mein Gefühl mich nicht hetzend ohrfeigt, bleibt es dabei.
Das Sonnensegel gespannt, bin ich auf dem Weg zur letzten Insel. Im Traum bau ich am Blau‘schen Tunnel durch den Berg, der vor mir aufragt.
Ich will, wen ich will, wenn ich will.

Johanna nion Blau, 7.7.2025

Steigbügelhalter

Wimmernde Ängste leiten diese Staaten in Abgründe, sollten wir ihnen folgen, sie leiten lassen?

Sie wünschen Sich Sicherheit für sich, verbergen ihre Ängste im Hohn und in den Schreien der kleinen Leute nach neuen Wegen der Kontrolle über unkontrollierbare Sachverhalte, wie das Leben, das Vergehen, die Zeit und die Natur.

Wenn ich sie ansehe, sehe ich Unsicherheit. Dann sehe ich jemanden, der sich an den Rockzipfel seiner Mama zurückwünscht, Und das nie zugeben würde, eher versinkt die Welt in rasenden alles verzehrenden Kriegen, als das er das jemals zugeben würde.

Die komplexe Kugel auf der wir leben, die Natur, die Lebewesen auf ihr: Mutter Erde zerstören sie, weil sie es nicht wahrhaben wollen, dass sie sie geboren hat. Das sie sich um sie kümmert und sie nährt und ihre Ängste abfedern könnte.

Vertrauen ist etwas, was sie sich wünschen und nicht erhoffen können. Denn die Hoffnung liegt begraben unter den Geldscheinen, die sie für Ihre Lügen sammeln. Ihr Gewissen ist tot, wie das Geld, welches niemand essen kann. Welches aber die Welt ernähren könnte, im jetzigen System.

Doch wer will das schon. Wenn es schön wäre, könnte Mann es nicht mehr kontrollieren. Der Kern der Macht ist der Versuch, Kontrolle über andere Menschen auszuüben, durch Geld, Angst und Zwang.

Diesen Kreislauf zu durchbrechen ist die Aufgabe der Menschheit, wir brauchen keine Manager, keine Macher, keine Pioniere, nicht einmal mehr Helden.

Wir sind alles, was es braucht, um aufzustehen, um die Steigbügel abzuschneiden, das Pferd abzuzäumen und endlich, endlich freizulassen. Auf dass es selbst das Grünste Gras, das Frischeste Wasser und den Kühlsten Schatten finde.

Lasst die Freiheiten der Lebewesen ihnen den Weg zeigen hin zu Frieden, Wohlstand und Wohlbefinden für alle, die in dieser Welt, den Willen dazu haben.

Johanna nion Blau, 3.7.2025

Die Sterne tanzen

Die Sterne tanzen über den Waldboden.
Sie wandeln dort, um uns lautlos zu verkünden:
Die Welt ist magisch, für solche, die verwinden.

Sie leuchtet, glitzert und funkelt.
Erst recht, wenn es in den Herzen vieler Leute dunkelt.

In Sommernacht um Sommernacht glühen die Würmchen um die Wette.
Sie zeigen uns statt Irre unbekannte Wege ins Könnte, Würde, Hätte.
Wir schauen hin, um uns kurz zu verlieren und dann schnell wieder zu finden.
Wer an sich wächst, kann diesen Zauber genüsslich binden.
Wer an sich glaubt kämpft dafür, dass solche Wunder nicht verschwinden.

Johanna nion Blau, 30.06.2025


Auf Friedliche Zeiten

In den frühen, stillen Stunden,
Wenn die Panik wieder aufkeimt,
stelle ich den Wecker auf morgen.
Verschlafe bei Hausarbeit den Tag.

In meinen Träumen ist die Welt so kostbar,
Wie ein Regenguss nach vielen dürren Tagen.
In langen Sommernächten, ein Kuss.
Ein Hans im Glück in endlosen Sackgassen
Ich kanns einfach nicht lassen.
Bin glücklich zu leben und zu sein.
Bin frei in tanzenden Menschenmassen.

Das Wir zu feiern, kein Muss aber der Weg.
Hin zu unser aller Ziel:
Auf Erden das Glück zu mehren
Auf Erden das Glück zu teilen
Auf dieser Erde an Plänen fürs Glücklich sein zu feilen
Dabei alt werden in Frieden
Ich wünsche für uns alle Friedliche Zeiten

Johanna nion Blau, nach CSD in Leipzig, 29.06.2025

Love Stories

Gerade lese ich „In all deinen Farben“ von Bolu Babalola. Darin kommen mythische Gestalten vor, die mal mehr mal weniger bekannt sind. Die klassischen Sagen wandelt Bolu Babalola so um, dass es einfach Spaß macht die Entwicklungen zu verfolgen. Da ist zum Beispiel Psyche, die für einen Verlag namens Olymp arbeitet und ihren Kollegen Eros anhimmelt. Das Happy End, dass sie sich verdient haben, bekommen sie auch und das tut so gut zu lesen.

Voll von tragischen Liebesgeschichten ist mein Kopf. Ich will ihn schütteln, alles heraus katapultieren, was sich da so angesammelt hat über die Jahrzehnte. Alle Erfahrungen, Verhaltensregeln, Regeln fürs „rarmachen“, fürs Flirten, für Partnerschaften, für die Zeit der Trennung. All das will ich auf hoher See über Bord werden, so dass sich da die Tiefseebergbauern damit auseinandersetzen können.

Ich möchte neu beginnen. Mit allem, vor allem mit der Liebe. Dabei spielt die Liebe zu mir selbst eine große Rolle. Es hat angefangen mit Akzeptanz mir gegenüber. Meine „Macken“ oder vielleicht einfach Besonderheiten habe ich besser ertragen. Ich habe mich nicht mehr schuldig gefühlt, Eis zu essen in der Öffentlichkeit oder früher als alle anderen eine Party zu verlassen. Ein Freiheitsgefühl war die Belohnung für dieses Verhalten meinerseits. Diese Freiheit zu gehen oder zu bleiben, möchte ich nicht mehr missen.

Die Freiheit mich auszudrücken, ist mir ebenfalls wichtig. Mal trage ich im Sommer ein Kleid, dazu offene Haare, dann wieder Kurze Hose, mit Oberteil. Ist es ein Vorteil, dass mein Körper als weiblich eingestuft wird und es nicht ins Gewicht fällt, was ich trage? Ich kann ein Sakko anziehen, niemand würde sich beschweren, wenn aber eine männlich eingestufte Person ein Kleid trägt, und Lippenstift fragen sich viele, welche Sexualität die Person hat. Das finde ich so traurig und auch schädlich. Ich will für alle die Freiheit, Kleidungsstücke danach auszuwählen, wonach ihnen der Sinn steht. Kein Kleidungsstück sollte einem bestimmten Geschlecht vorbehalten sein, so sieht es auch Künster*in Alok Vaid-Menon. Or to say it with Ru Paul’s words: “We’re all born naked and the rest is drag.”

Wenn ich ein Sommerkleid anziehe, Lippenstift auflege und rausgehe in die Welt, dann cross dresse ich. So fühlt es sich für mich an. Alle anderen sehen eine cis-Frau, die sich schick macht. Aber für mich ist es einfach anders. Und das Menschen zu erklären, finde ich kompliziert. Aber ist es das?
Ich bin genderfluid. Der Überbegriff ist nicht-binär. Also ordne ich mich nicht entweder dem Geschlecht weiblich oder männlich zu, sondern etwas darüber hinaus, drum herum, dazwischen. Das ändert sich täglich und die Übergänge sind fließend, also fluide. Es ist für mich wichtig, mich damit zu beschäftigen. So viele Rollenbilder, in die andere Menschen mich einsortieren möchten, sind für mich zu eng, zu langweilig oder einfach zu unpassend.

Mein Körper hat große Brüste, Kurven und eine ausladende Hüfte. Meine Mutter sagte früher oft zu mir, ich hätte ein „gebärfreudiges Becken“. Ich wirke also sehr „weiblich“. Dazu habe ich lange Haare, trage manchmal Lippenstift und selten Wimperntusche.

So komplex das erscheint, ich habe Worte dafür. So kompliziert das für andere klingen mag; für mich fühlt es sich endlich schlüssig an. Für mich ist es wichtig und ein Privileg, dass ich mich in meinem Körper wohlfühle. Für mich ist es aber auch eine Herausforderung zu flirten, einem Menschen zu zeigen, dass ich Interesse an ihm habe. Eine Verbindung aufzubauen zu Leuten, die nicht rein platonisch ist.

Ich bin froh, dass ich jünger aussehe als ich bin, da ich noch so viel erleben möchte und ich mir vorstelle, dass das für einen Menschen jenseits der Wechseljahre vielleicht nicht mehr so einfach wäre. Berichtigt mich da gern. Es ist eine Angst, die ich hege. Und ich bin froh, dass trotz oder gerade wegen des faschistoiden Backslashs, den die LGBTIAQ+ Community weltweit aktuell leider wieder erfährt, Menschen für ihre Rechte kämpfen, zu lieben, zu leben, Kinder aufzuziehen, miteinander alt zu werden; Menschenrechte eben.

Trotz all dieser Neugier ist da ein tiefes Verlangen nach einer festen, langfristigen Partnerschaft, den Hafen wie es Mascha Kaléko nannte, den Anker auf hoher, stürmischer See. Den Hauptgewinn aller Glückspiele dieser Welt. Hauptsache ich kaufe ein Los. Vielleicht ist dieser Text eins. Wer weiß.

Happy Pride Month! Und einen großartigen CSD allen, ohne Zwischenfälle, mit viel Liebe und Freude in einer bunten, freien Gemeinschaft.

Johanna nion Blau, 21.06.2025