Über ungelesene Bücher

Gerade bin ich aufgestanden, mich erholend von Träumen, die mir meine Lage bewusst machen. Wir fahren mit dem Bus eine Rampe hoch. Wir wollen zum Bahnhof, aber da ist eine große Kerbe im Gebäude, und ein breiter Riss in der Wand verzweigt sich in viele kleinere Risse.

Aus dem Bus steigend betrachte ich die Steine, aus denen der Weg besteht. Einige ragen hinaus, andere sind eingesunken. Wohin soll ich mich wenden, mit meinem Wunsch nach Sicherheit und Orientierung?

Davor war ich im Traum auf einem Feld mit anderen Leuten, wir gingen zu einem Schrank, der reizvoll „vintage“ aussah und keine wirkliche Funktion erfüllte. Ich sah mich um, das Feld lag brach. Ich ging weiter zu der kleinen Landstraße, von Bäumen gesäumt, darunter hohes grünes Gras, vom Wind bewegt.

Mein moralischer Kompass schlägt gerade zu allen Seiten aus, er leitet mich nicht. Verwirrung komplexester Art ist die Folge. Ich springe gedanklich im Dreieck.

Religion ist keine Option, Ratschläge aus dem Freund*innenkreis sind schön und gut, ich bin es jedoch gewohnt, zu wissen, was ich will. Jedenfalls kannte ich dieses Gefühl, beim Treffen von Entscheidungen, beim Diskutieren und beim Schreiben. Nun sitze ich im Nebel und warte darauf, dass eine unsichtbare Hand, mir den Weg in die richtige Richtung weißt. Doch ohne den Glauben an Richtig und Falsch, Schwarz und Weiß, Gut und Böse, würde ich der Hand nicht folgen, auch wenn ich sie sehen könnte.

Was ist das, was ich suche? Moral war in meinem Denken nie bürgerlich. Doch ganz ohne einen Kodex, komme ich nicht aus. Ich möchte meine Haltung begründen können, die teils radikalen Ansichten nicht auf Sand gebaut wissen. Auf ein festes Fundament möchte ich sie stellen. Darum ist es mir wichtig, mich durch Lesen zu bilden und moralisch auszurichten.

In letzter Zeit kaufe ich mehr Bücher als ich lesen kann. Das ist exemplarisch für: ich will mehr Input als ich Verarbeiten kann. Es passiert so viel in der Welt und ich will mir einen Überblick verschaffen. Das Buch „(Ohn-)Macht überwinden. Politische Bildung in einer zerrissenen Gesellschaft“ von Marcus Hawel und Stefan Kalmring herausgegeben hat mir beim Lesen Hoffnung gemacht, mit seiner klaren Sprache und dem Überschauen von gesellschaftlichen Zusammenhängen. Ich hoffe, ich lese es zu Ende und weiß dann mehr.

James Baldwin wurde vor einhundert Jahren geboren. Ich will alle seine Bücher lesen. Zur Orientierung habe ich mir das Buch-Portrait von René Aguigah gekauft: „James Baldwin. Der Zeuge.“ Ich bin so gespannt darauf. In der Connewitzer Verlagsbuchhandlung gab es eine sehr schön arrangierte Auslage der Bücher von James Baldwin. Ich war versucht, da noch mehr zu erwerben. Doch ich sah „Furies. Stories of the wicked, wild and untamed.” Eine Sammlung von Geschichten berühmter Autor*innen, im Virago Verlag erschienen. Ich kaufte es, weil ich mir dachte, es könnte eine gute Sommerlektüre sein. Und Bianca Sparacino‘s: „The Strength in Our Scars. Was uns Kraft gibt und heilt“ habe ich im Hugendubel erstanden. Es sprach mich an mit seinem „Kintsugi“ Cover, graue Schrift und ein golden verkitteter Riss wandert wie ein Blitz durch den Titel.

Über meinem Schreibtisch habe ich ein Regal angebracht, gefüllt mit meinen zu lesenden Büchern. Ich freue mich darauf, sie zu lesen und auf die Einsichten, die sie mir bringen werden. Ich frage mich jedoch: Wann soll ich das alles lesen? Gerade mit meinen Stimmungen, die nicht immer Ruhe und das Gefühl von Sicherheit in mir hervorrufen: Wie soll ich dann in diesem Zimmer vollgestopft mit Büchern eines auswählen und es von vorn bis hinten durchlesen? Ich fange eins an zu lesen, bin begeistert, lege es zur Seite und fange das nächste an zu lesen. Das macht mich unzufrieden.

Ich werde erinnert, daran wie ich früher gelesen habe. Ein Roman, ein Sachbuch, ein Gedichtband parallel. Wenn ich mit einem davon fertig war, kam das nächste. Das war eine gute Abmachung mit mir selbst. Dann habe ich angefangen, Bücher für schlechte Zeiten zu horten. Ich dachte mir, solange ich Arbeit habe, kann ich mir Bücher kaufen, wenn ich wieder arbeitslos sein sollte, kann ich das nicht mehr. Das ich auch noch in einigen Bibliotheken angemeldet bin, zählte für mich nicht als schlagendes Argument. Genau das Buch, was ich wollen würde, hätte ja gerade ausgeliehen sein können. So habe ich in meinem Zimmer einen Raumteiler gefüllt mit vielen Büchern, viele davon auch gelesen, eine Vitrine, in der ich meine Bücher-Schätze und meine ausgeliehenen Bücher aufbewahre und drei Wandregale thematisch sortiert nach „Lyrik und Schreiben“, „Zu Lesen“, dann noch ein Regal mit kleinen Büchern und Büchern über Anarchismus.

Um ehrlich zu sein, es ist ausgeartet. Meine Impulskontrolle setzt aus, wenn es um interessante Bücher geht. Ein bisschen mögen die Tabletten schuld sein, die ich einnehme. Als Nebenwirkung steht im Beipackzettel geschrieben unter „Gelegentliche Nebenwirkungen: … unkontrollierbares zwanghaftes Einkaufen oder Geldausgeben“.

Das macht es nicht einfacher. Aber ich möchte Verantwortung für mein Bücherkaufverhalten übernehmen. In Schulden habe ich mich deswegen zum Glück noch nicht gestürzt. Ich möchte wieder mehr lesen, weniger scrollen, zocken, glotzen oder bingen, einfach wieder mehr lesen. Dann wäre mein moralischer Kompass auch hoffentlich wieder Up-to-date und ich wäre versorgt mit aktuellen Argumenten gegen unsolidarisches Verhalten, Hetze (online oder in-real life) und auch gegen die aktuelle Militarisierung und den Krieg vor der Haustür. Denn nur fühlen und wissen, dass etwas falsch klingt und dem widersprochen werden muss, reicht mir nicht. Ich möchte rhetorisch einwandfrei dagegen argumentieren können. Das Ziel steht. Auf geht’s in den Park mit höchstens drei Büchern im Gepäck.

Johanna nion Blau, 19.07.2024

The world is impossible

The world is impossible.
To be, to act
And yet
May I in their change
Step into
Me and my views.
Circle, swing, live by being
The circle staggers into a spiral.
All dazed and too nigh.

The world is impossible.
Light is known, but not only.
Life deserts in the sands.
Grey like all euphoria.
The colors of life
Are never
expectable, gentle, sayable, negotiable
when I try to gently
give all I have
Never do drink from this poison anymore
I want to give away you and me
To climb the throne of the thrones without any irony
To lead my mind with sense
To never bow down before anyone again
To direct every dream of my actions

In inexperienced births, the heart dances on the waves
Rapids swallow the sound of fishes, shooting up out of the waters
Parting waves und sharing wealth, and they are in an impossible world.
Come down, back in what they know, but they embrace the value of the unknown.
Here I am.

Johanna nion Blau

9.06.2024

Die Welt ist unmöglich

Die Welt ist unmöglich
In ihrem Sein, ihrem Handeln
Und doch,
Wenn ich in ihrem Wandel
Mich und meine Sicht
Vertrete, Kreisel, Schwinge, Pendel, Sein durchlebe
Taumelt der Kreis in eine Spirale
Nichts mehr klar, alles zu nah.

Die Welt ist unmöglich
Kennt nicht nur Sonnenlicht
Das Leben verödet im Sande
Grau ist alle Euphorie
Bunt ist das Leben aber Nie …
Das Erwartbare, Schonende, Sagbare, Verhandelbare.
Wenn ich lohnend versuche
Alles zu Geben
Bitte trink nie mehr dieses Gift
Will dich und mich verschenken
Den Thron der Throne besteigen ohne Ironie
Endlich leiten meinen Verstand mit Gefühl
Für Niemanden Das Haupt mehr neigen
Und alle Träume meiner Taten lenken

In unerfahrenen Geburten, tanzt das Herz auf den Wellen
Stromschnellen verwinden den Klang der Fische, die aus dem Wasser schnellen.
Teilen die Wellen und den Wohlstand und sind, in einer für sie unmöglichen Welt.
Seilen sich hinab, in das, was sie kennen, doch sie erkennen den Wert des Unbekannten.
ich bin hier
Johanna nion Blau
9.06.2024

Schatten, die bleiben

Licht fällt auf die Schatten,
Ohne dass sie verschwinden.
Der Henker wetzt sein Beil.
Die Träume, die wir uns verbaten,
Lassen uns das Urteil verkünden.

Wir trauern um das zu kurze Seil.
Wie das Leid überwinden?
Die Furcht, die wir hatten.
Bieten unsere Seele feil,
Als Fraß für die Ratten.

Warten auf den ersten Teil.
Unser Leben auf breiten Matten.
Die bunten Scherben bleiben heil.
Wir hören gemeinsam alte Platten.
Wir teilen unseren letzten Pfeil.

Verstummen in den vielen Stunden,
Die bleiben, einander zu verraten.
Vernähen alte Wunden,
sind zu kalt und weiß und bereit.
So warten wir auf gute Taten,
Im Angesicht der finsteren Zeit.

JB 5-2024

Generationen

Meine Gedanken wirbeln, wie rosa Blüten im kalten Frühling auf den Gehwegen umher.
In der Tiefe lauert der Leviathan, in den Höhen sichert Nut den Himmel ab.
Wenn ich meine Leute sammele und in den Frieden ziehe. Hippie-eske Vorstellung. Stell dir vor, John Lennon wurde erschossen.
Und ich bin und sammele Taten. Wie ein Baum stehe ich da, wurzelnd in der Nacht, feiernd bis zu den Sternen. Das Leben passiert im Vorbei-gehen.
Die Nächte, in denen ich Krater auf Mond und Sonne sehe.
Um mich schlagen Flügel. Die Lederhaut bemoost und leicht.
Im Herzen trage ich Kinder der nächsten Zeit. Generationen davon.
Helfende Hände meiner Suche nach festem Schuhwerk für die folgenden Wanderungen.
In meinen Händen lauern Geschichten.
Um mich die tagenden Betagten und die schlummernden Held*innen eigener Sagen.
Das Leben will geschmiedet werden aus Blütenblättern und Treibholz. Wozu?
Sag an, bist du es; schenkst du mir einfach so mein Herz?
Sag an, du bist es, der unser Leben versüßt.
Ich sage mir, das Leben will keine Eroberungen.
Das Leben will einen Tag, eine Nacht, ein Jahr, ein Jahrhundert. Eintausend Jahre: Frieden. Und das ist das Mindeste.


Johanna Blau, 20. April 2024


Roter Staub

Verbrannte Erde in der Luft.
Vergangene Taten fliehen übers Meer.
Werfen ihre trocknen Tränen über alles.
Roter Staub legt sich vor die Sonne.

Alles ist anders.

Gräulich säht mein Kopf Gedanken.
Ich sehe rückwärts; schaudernd.
Und die Magie schraubt sich in die Höhe.
Neonlicht, Fluchtlicht, zeigt mir wohin ich will.

Johanna Blau
April 2024

Wenn ich Erde und Mond in meine Träume lenke

So seufzt dein Auge mir entgegen.
Zuerst erspart mein Leid mir Mitgefühl.
Dann will ich dir ergeben meine Stimme sanft erheben.
Doch bleibt dein Herz gebrochen, fast wie ein Fossil.

In meiner Mitte fehlt die Spur.
Und ohne dich baumle ich herum ganz eingewoben.
Die Spinne des Schicksals will meinen Schwur.
Ich soll mein Glück für mich allein erproben.

Die „Macht des für sich Seins“ soll ich erkunden,
Die in so vielen meiner Stunden bebt.
Für wen habe ich sie einstmals denn erfunden,
Wenn meine Seele einsam neben allen anderen Menschen schwebt?

Wenn ich jetzt und hier deinen Namen denke,
Sind Raum und Zeit reine Illusionen.
Wenn ich Erde und Mond in meine Träume lenke,
Wirken spannungsvolle Kräfte, die auch uns innewohnen.

Die Gischt der Wellen zeigt die Kraft des Mondes.
Er zieht am Meer, an Kronen und am Stein.
Die Erde gibt sich hin, sterblich wie alles.
Materie ist Energie gepresst ins Sein.

Was uns wachsen macht, sind zwischenmenschliche Bindungen.
Die Liebe kommt und geht, wie die Gezeiten.
Im Fluss folgt jeder Tropfen des Bettes Windungen.
Wasser ist Wandel, auch für die die bleiben.

Meine Macht ist Liebe; sieh mich Bäume pflanzen.
In jedem Sprössling wächst der Welten raue Kraft.
Ihr Tagwerk ist das Geben: Blätter, die im Winde tanzen.
Und das Nehmen gehört vollständig der Nacht.

Johanna Blau, Januar 2024