Auf Friedliche Zeiten

In den frühen, stillen Stunden,
Wenn die Panik wieder aufkeimt,
stelle ich den Wecker auf morgen.
Verschlafe bei Hausarbeit den Tag.

In meinen Träumen ist die Welt so kostbar,
Wie ein Regenguss nach vielen dürren Tagen.
In langen Sommernächten, ein Kuss.
Ein Hans im Glück in endlosen Sackgassen
Ich kanns einfach nicht lassen.
Bin glücklich zu leben und zu sein.
Bin frei in tanzenden Menschenmassen.

Das Wir zu feiern, kein Muss aber der Weg.
Hin zu unser aller Ziel:
Auf Erden das Glück zu mehren
Auf Erden das Glück zu teilen
Auf dieser Erde an Plänen fürs Glücklich sein zu feilen
Dabei alt werden in Frieden
Ich wünsche für uns alle Friedliche Zeiten

Johanna nion Blau, nach CSD in Leipzig, 29.06.2025

Love Stories

Gerade lese ich „In all deinen Farben“ von Bolu Babalola. Darin kommen mythische Gestalten vor, die mal mehr mal weniger bekannt sind. Die klassischen Sagen wandelt Bolu Babalola so um, dass es einfach Spaß macht die Entwicklungen zu verfolgen. Da ist zum Beispiel Psyche, die für einen Verlag namens Olymp arbeitet und ihren Kollegen Eros anhimmelt. Das Happy End, dass sie sich verdient haben, bekommen sie auch und das tut so gut zu lesen.

Voll von tragischen Liebesgeschichten ist mein Kopf. Ich will ihn schütteln, alles heraus katapultieren, was sich da so angesammelt hat über die Jahrzehnte. Alle Erfahrungen, Verhaltensregeln, Regeln fürs „rarmachen“, fürs Flirten, für Partnerschaften, für die Zeit der Trennung. All das will ich auf hoher See über Bord werden, so dass sich da die Tiefseebergbauern damit auseinandersetzen können.

Ich möchte neu beginnen. Mit allem, vor allem mit der Liebe. Dabei spielt die Liebe zu mir selbst eine große Rolle. Es hat angefangen mit Akzeptanz mir gegenüber. Meine „Macken“ oder vielleicht einfach Besonderheiten habe ich besser ertragen. Ich habe mich nicht mehr schuldig gefühlt, Eis zu essen in der Öffentlichkeit oder früher als alle anderen eine Party zu verlassen. Ein Freiheitsgefühl war die Belohnung für dieses Verhalten meinerseits. Diese Freiheit zu gehen oder zu bleiben, möchte ich nicht mehr missen.

Die Freiheit mich auszudrücken, ist mir ebenfalls wichtig. Mal trage ich im Sommer ein Kleid, dazu offene Haare, dann wieder Kurze Hose, mit Oberteil. Ist es ein Vorteil, dass mein Körper als weiblich eingestuft wird und es nicht ins Gewicht fällt, was ich trage? Ich kann ein Sakko anziehen, niemand würde sich beschweren, wenn aber eine männlich eingestufte Person ein Kleid trägt, und Lippenstift fragen sich viele, welche Sexualität die Person hat. Das finde ich so traurig und auch schädlich. Ich will für alle die Freiheit, Kleidungsstücke danach auszuwählen, wonach ihnen der Sinn steht. Kein Kleidungsstück sollte einem bestimmten Geschlecht vorbehalten sein, so sieht es auch Künster*in Alok Vaid-Menon. Or to say it with Ru Paul’s words: “We’re all born naked and the rest is drag.”

Wenn ich ein Sommerkleid anziehe, Lippenstift auflege und rausgehe in die Welt, dann cross dresse ich. So fühlt es sich für mich an. Alle anderen sehen eine cis-Frau, die sich schick macht. Aber für mich ist es einfach anders. Und das Menschen zu erklären, finde ich kompliziert. Aber ist es das?
Ich bin genderfluid. Der Überbegriff ist nicht-binär. Also ordne ich mich nicht entweder dem Geschlecht weiblich oder männlich zu, sondern etwas darüber hinaus, drum herum, dazwischen. Das ändert sich täglich und die Übergänge sind fließend, also fluide. Es ist für mich wichtig, mich damit zu beschäftigen. So viele Rollenbilder, in die andere Menschen mich einsortieren möchten, sind für mich zu eng, zu langweilig oder einfach zu unpassend.

Mein Körper hat große Brüste, Kurven und eine ausladende Hüfte. Meine Mutter sagte früher oft zu mir, ich hätte ein „gebärfreudiges Becken“. Ich wirke also sehr „weiblich“. Dazu habe ich lange Haare, trage manchmal Lippenstift und selten Wimperntusche.

So komplex das erscheint, ich habe Worte dafür. So kompliziert das für andere klingen mag; für mich fühlt es sich endlich schlüssig an. Für mich ist es wichtig und ein Privileg, dass ich mich in meinem Körper wohlfühle. Für mich ist es aber auch eine Herausforderung zu flirten, einem Menschen zu zeigen, dass ich Interesse an ihm habe. Eine Verbindung aufzubauen zu Leuten, die nicht rein platonisch ist.

Ich bin froh, dass ich jünger aussehe als ich bin, da ich noch so viel erleben möchte und ich mir vorstelle, dass das für einen Menschen jenseits der Wechseljahre vielleicht nicht mehr so einfach wäre. Berichtigt mich da gern. Es ist eine Angst, die ich hege. Und ich bin froh, dass trotz oder gerade wegen des faschistoiden Backslashs, den die LGBTIAQ+ Community weltweit aktuell leider wieder erfährt, Menschen für ihre Rechte kämpfen, zu lieben, zu leben, Kinder aufzuziehen, miteinander alt zu werden; Menschenrechte eben.

Trotz all dieser Neugier ist da ein tiefes Verlangen nach einer festen, langfristigen Partnerschaft, den Hafen wie es Mascha Kaléko nannte, den Anker auf hoher, stürmischer See. Den Hauptgewinn aller Glückspiele dieser Welt. Hauptsache ich kaufe ein Los. Vielleicht ist dieser Text eins. Wer weiß.

Happy Pride Month! Und einen großartigen CSD allen, ohne Zwischenfälle, mit viel Liebe und Freude in einer bunten, freien Gemeinschaft.

Johanna nion Blau, 21.06.2025

Vom Werden und Vergehen

Ich muss an Mascha Kaléko denken und ihre „paar Leuchtenden Jahre“. Vor dem Fenster sitze ich, denke an Mascha und schreibe mir die Seele aus dem Leib. Wenn ich wüsste, würde ich wohl verstummen, so mein Bauchgefühl. Ich bin hier und jetzt und ich schreibe. Die Zukunft hat aufgehört zu scheinen. Sie kriecht durch meine Gedanken, wie ein verwundetes Tier, faucht mich an, fährt die Krallen aus. Sie läuft auf einem trügerischen Teppich aus Tod, Gier und Verwüstung. Die Sache ist die, ich hoffe noch darauf, dass dies der Anfang von etwas Schönem sein könnte. Ich hoffe, darauf, dass die Herrscher dieser Welt sich in Luft auflösen, das Geld seinen überhöhten Wert verliert und wir wieder anfangen, Gemeinschaften und eigenes Wohlbefinden als verwirklichbare Ziele zu teilen.
Muss den erst alles zerstört werden, Menschen umgebracht oder für ihr Leben gezeichnet werden? Müssen wir denn wirklich erst so sehr leiden, bis wir verstehen, was zu tun ist?
Ich sitze am Fenster meines Zimmers. Das Grün auf der anderen Straßenseite erinnert mich an den Kreis vom Werden und Vergehen; von Knospe, Blüte, Frucht, Knospe, Blüte, Frucht.

Dieses Wissen, dass es auch hätte schön sein können, frisst meinen Verstand. Bis ich mich hinsetze, den Laptop aufklappe und anfange zu schreiben. Diese gefühlte Klarheit bricht sich Bahn. Die fluoreszierenden Murmeln spiralen hinab in den Nebel des Morgen. Und es ist okay für mich.
Aber ich frage mich: Was kann ich tun? Was kann ich tun, damit es aufhört für andere gerade so schlimm, so schrecklich, so tödlich zu sein. Wir beschwören die Liebe, wir beschwören die Kunst, wir beschwören die Gemeinschaft. Müssten nicht, die die die Waffen bauen und verkaufen ein Gewissen haben? Müssten nicht die, die Heere anführen, sich dazu entschließen, sie wieder auf die Arbeiten des Lebens zu verteilen, statt auf die Arbeit des Todes und der Zerstörung?

Allen, welche leiden, allen, welche sich auflehnen, allen, welche mit allen Mitteln kämpfen: Euch gehören meine Gedanken. Mein Herz schlägt euch zu. Und wenn ich stärker wäre und wenn ich robuster wäre, wäre meine Stimme weiter, lauter und bestimmter. Ich bin ich. Es ist ein revolutionärer Akt allein damit zufrieden zu sein. Selbstliebe ist für vieles ein Anfang. Danke bell hooks.

Mein restliches Leben könnte ich mich damit beschäftigen, jeden Zweig und jedes Blatt an dem Baum auf der anderen Straßenseite zu beschreiben. Das werde ich nicht tun. Ich bin Zeugin. Wovon? Einer Zeitenwende, einer Revolution, Evolution, dem Weltuntergang? Es gibt mir eine trügerische Sicherheit in die Karten zu schauen. Sie zeigen Leben, sie zeigen Zukunft. Meine Augen will ich vor dem Tod jedoch nicht verschließen. So viel Tod und Leiden. Ich werde hinschauen. Ich werde schreiben.
Dankbar bin ich für die Existenz von Freude bei all dem Leid, von Freundschaften, bei all dieser Feindschaft, von Liebe, die hoffentlich den Hass in die Schranken weisen wird.

Weise Worte habe ich verinnerlicht, heute geht es mir ums Schreiben. Damit die Mauer zwischen mir und meinen Gedanken, nicht mehr so hoch aufragt vor meinem Gesicht und ich wieder die Bäume auf der anderen Straßenseite bewundern kann. Der Himmel ist blau. Die Mauersegler liefern sich einen Wettkampf und rufen sich zu: „Ich bin schneller, ich habe gewonnen, ich bin Sieger.“ Vielleicht hat es so angefangen? Das Ende ist noch nicht geschrieben. Darauf liegt meine Hoffnung. Streckt sich aus wie eine Katze, die in der Sonne badet. Unbekümmert, so lange alles zu sein scheint wie immer.

Johanna nion Blau, 19.06.2025

Mein Mund heißt mich schweigen

Sehnsucht, weht Schatten vor meine Füße. Friss mir doch meinen Willen von der Haut! Das Wünschen fällt mir schwer. Die Angst schwelt, dass ich versinke, hinab mit dem Stein, der meinen Wunsch ins Wasser trägt.
So unbeholfen im Schweigen ist mein Mund, dass meine Ohren klingen. So unbekannt, wie meine Hände, bist du mir im Traum. Wer pflanzt, den Baum, der uns süßen Schatten spendet? Im Sommer. Im Herbst. Im Frühling. Der Baum, der Licht bringt, in den Wintern, die folgen.
Im Land wird gerüstet, mein Herz legt alle Panzer ab. Doch fang ich an zu fragen, heißt mein Mund mich schweigen. Ich geh in die Gefahr, doch treiben aus meinem Kopf Blüten aus Papier. Der Wind verweht sie noch, wo sie luftig verglühen. Lass sie aufs Wasser fallen. Lass es zu Tee werden, den ich trinken will: Her mit dem Willen, wahr zu dir zu sprechen.
Ein Meer soll meine Hoffnung werden, so dass Glück die Wahrheit in Zukunft Liebe nennt.

Johanna nion Blau, 1.6.2025

Die Wiedergeburt der Zeit und der Gedanken

Lohn lässt laute Lämmer verstummen. Fruchtlose Früchte schimmeln in goldbeschienenen Auslagen. Das Trümmerfeld wird mit Geldscheinen bestellt. Lasst uns hoffen, dass sie verfliegen und da ein Kräutergarten heranwächst.

Durchbohrte Särge warten auf mein Begräbnis, doch ich bin wieder so lebendig. Nach dieser Langen Zeit der Innenschau. Ich will leben, lieben, atmen, sein. Was hindert mich daran?
Alles! Solange nicht alle das können und wollen. Solange nicht alle frei sind, bin auch ich unfrei und auch wenn ich machtlos scheine; ich kann dem entgegen schreiben.

Regenbogen stellen sich auf gegen die Herrschaft der Herren, gegen das Urteil des Zweischneidigen Schwerts, gegen die Lügen des Alltags, gegen die Mühsal, die ihr Ende schon vor Ewigkeiten versprochen hatte.

Die Sonne freut sich über den Regen. Die Bäume und Gräser wachsen ihr zu, die Sonnenblumen recken ihr den Kopf entgegen. In meinem Herzen Mut, der es schafft, Worte zu segnen.

Die Lieder hören, die meinen Geist erweitern, mir die Seele bescheinen und meinen Atem zum Singen bringen. Die Lieder, die mich aufleben lassen und meine Hoffnung keimt, dem neuen Tag entgegen.

Wenn die Macht ratlos der nächsten Stunde entgegen bangt, dann öffnet sich die Tür für unzählige Möglichkeiten. Dann ist das Geld nichts mehr Wert aber die Zeit ist reich an Stunden. Die Tiere schauen uns an. Sie freuen sich, dass wir da sind. Die Mücken lassen uns im Stich und die Tage sind wieder kreisrund, wie die Monate auch, wie die Jahre im Zeitenlauf. Nichts mehr, wo wir hinmüssen. Wir sind da wo wir sein wollen, wir sind. Und das ist das Reich, in dem wir leben wollen.

Ein schöner Traum? Alles, was wir dafür tun müssen, ist nichts. Wenn die Mühlen nicht mehr malen, wenn die Zahnräder sich nicht mehr drehen, wenn Europa sich nicht mehr fortpflanzt in Leibern und Ideen und im Raum, dann werden wir Zeit haben zuzuhören, zu lernen und vor allem anderen: Wir werden Zeit haben, darüber nachzudenken, was wir wollen. Und wir werden Zeit haben zu werden, wer wir sind.

Johanna nion Blau 6.5.2025

Immerfort schreibt sich das Leben in die Augen ein

Im Gras flitzen Hasen, die Abendsonne, steckt das Licht in Brand, die Hasen rennen durchs Feuer, Terry schaut zu, gebannt. Hat sein letzes Buch in der Hand. Die Kreidefelsen rufen.
Vertrautes scheut vor neuen Särgen. Das Leben, wie es Suppe in Sieben verteilt. Doch ich bin hier und schreibe. Das ist das, was mich vielleicht heilt.
Wille und Versuche. In meinen Händen seh ich viele Risse. Der Schmerz zu handeln, weckt die Hindernisse. In meinem Kopf verweht das Jetzt zu dort und klarem Nein. In meinem Herzen fängt es an zu schreien.
Ich schreibe fürs Erinnern alles auf. Lass den Gefühlen in Bahnen ihren Lauf und bin umsorgt von meinem Inneren. Die Füße laufen. Bald tanzen sie wieder. Springen übers Feuer wie die Frühlingshasen. Leben und leben lassen ist das Motto eines Wilden Rasens.
Immerfort schreibt sich das Leben in die Augen ein. Immerzu singt das Herz den lieben ein neues Lied. Ich möchte nicht verhandeln, das Liebe wichtig ist. Dafür ein Wachssiegel: Herz mit Schlüsselloch. Ich habe den Schlüssel. Verleih ihn gern. Und doch sag ich Ja vor allen andern zu meinem Selbst, meinem Willen, meinem Handeln.

Johanna nion Blau, 20.04.2025

Winter

Du schaust mich an, als wäre ich ein Diamant.
Du berührst mich und ich fühle mich an wie Cashmere.
Du redest mit mir und ich werde eingelullt in einen Seiden-Kokon.
Dann liebe ich dich zurück und es wird Winter.

Johanna nion Blau, 5.4.2025