Die viel besungene Liebe

Erdrückt zwischen Schattenspielen.
Kann nicht oft genug von meinem Herzen schreiben.
Was nützt es Vielen?
Will bei dem Einen sitzen bleiben.
Dich habe ich erwählt, doch alles scheint dagegen:
Die Zeit, die Welt, mein Liebesleben.
Verrückt ist, was ich denke. Was ich fühle, ist klar.
Das Könnte, Würde, Wöllte ist schlicht zu wunderbar.
Ich traue dem Frieden nicht, da meine Liebe bisher immer nur Krieg gebar.

Johanna nion Blau, 14. September 2025


Zerriebene Sorge würzt meine Mahlzeiten

Will heftige Gefühle fühlen, will mein Selbst hindurch geleiten. Wohin? Traumartig den Tag aufzeichnen mit Worten, wie Taugenichtse. Macht für wen auch immer vielleicht keinen Sinn.
Wenn in der Welt geschossen wird, brauch ich „Mentale Schutzschilde“, gebe mich hin den Meinungen, Haltungen, den Überzeugungen der anderen in Gesprächen. Wäge ab und schäle alles, was ich hörte. Dann schneide ich es in mundgroße Stücke, kaue darauf herum, würze es mit Sorge, mit Hoffnung und mit meinem Blick auf diese Welt. Wieder ein Buch bestellt: Die Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus. Reclam Verlag.
Das, was ich weiß, ist: Wir brauchen Lösungen, wir brauchen Frieden. Solidarität und Selbstfürsorge für Alle. Für alle? Sicherheit im Denken, im Fühlen, im Handeln. Wenn die Menschen sich auf ihren nächsten Tag freuen würden, wäre unsere Gesellschaft eine andere. Bessere?
Zukunftsgewand: Ich ziehe es an ohne dystopischen Schmuck, ohne utopische Kopfbedeckung. Bin ich nackt, wie einst ein schlecht beratener Kaiser?
Versuche zu verstehen, was andere so sicher macht im Denken. Wenn meine Ängste mich lenken, die Gefahren von oben blenden, wenn alles nach Liebe schreit und der Hass sich so weit verzweigt, dass ich still werde. Das ist gleichzeitig der Ort, an dem ich bin, der Ort, an dem ich schreibe. Was wäre, wenn: Ich zuhöre, und keine Antwort gebe. Was wäre, wenn meine Meinung nicht ausschlaggebend ist. Diese Ohnmacht ist schlimm, aber erträglich. Die Handlungsmacht im Rahmen meiner Möglichkeiten, bedeutet dies aufzuschreiben ohne abschließenden Ratschlag.
Das Leben, wie es zuschlägt. Das Leben, wie es aufschlägt. Das ist die gefühlte Wahrheit meiner Worte.
Wir sind alle Zeug*innen, wir sind alle betroffen, alle sogenannten Klassen. Wir suchen alle Lösungen, wenn in Wahrheit Probleme sich besser verkaufen lassen.
Die Wurzeln des Baumes der Erkenntnis treiben tief aus, im fruchtbaren Boden der Möglichkeiten. Das Wünschen und das Hoffen und die Schmerzen begleiten jedes Wachstum und jede Geburt. Die Welt, die wir gern hätten, existiert in unseren Träumen und ist bereit, durch die Erde zu brechen und zu wachsen auf dem Boden der Tatsachen. Wir, das heißt wir alle sind berufen, das Wasser und das Licht zu sein für diesen Baum, dessen Früchte wir alle genießen dürfen, wenn sie denn reifen dürften. Johanna nion Blau, 13. September 2025


Sicht bei Nebel (PMS)

Wie ein Nebelumhang, klamm, wettergegerbt, legt sich ein Tuch um mein Herz. Wohlbekannt. Und herzlich lege ich meine Hand darauf.
Wie ein altes Fischernetz ohne sichtbares Muster, mit Leerstellen und mit Muschelschalen behaftet, denkt mein Hirn heute den gestrigen Tag. Meine Erinnerung beinhaltet Wolken, da wo Sonne schien.

Verkehrte Welt: Im Fallen deckt sich das Dach von selbst ab, die Möbel wandern nach oben. Was sichtbar bleibt, ist der Hauskamin, in dem das letzte Feuer lodert. Prometheus nimmt es an sich für später.
Wie noch nie, sah ich die Menschen fliegend oder fallend Halt verlieren.
Wie noch nie, habe ich dabei gedacht: Falle oder fliege ich? Gerade im Träumen ist der Unterschied schwer auszumachen, wie Feuer im Sturm. Gerade im Denken vergesse ich Kurven zu nehmen, die wichtig, sind für den Sprung nach vorn.
Gedanken heben sich ab, wie die Möwe, welche den Sprung wagt von der Welle auf der sie noch vor kurzem tanzte, hinab in den Himmel.

Ein Wolkenmeer. Die Muster aller Dinge, aller Menschen enthält es und die Möwe schwebt hindurch. Ein Geist, obwohl sie die ist, die lebt.
Fliegend erhebt sie die Erinnerung. In der Schwebe wird ein Traum tragbar.
Das Bild bekommt Tiefe. Alles reift, wird undurchsichtig. Die Wolke verwandelt sich in ein Luftschiff. Die Möwe, setzt sich auf den höchsten Mast.

Selbstvergessen wird das, was ich betrachte, wahr. Ich wünsche dem fallenden Stern einen guten Flug ins Verglühen. Ich wünsche der Welt einen guten Start ins neue …zän. Die Wogen glätten sich. Die Möwe fliegt auf, schwebt hoch über den Wellen, hoch über den Wolken, ihr Schnabel kratzt Sternenstaub vom Universum. Die Funken verglühen auf der Erde. Gedanken an das Ungewohnte Glück.
Vertraut erhebt sich die Möwe. Sie lässt sich treiben von Wind und ihrem Bauchgefühl, der nächste Fisch, die nächste Nähe, die nächste Ruhe vor Augen. Es regnet. Alle Wolkenbilder verformen sich zu Wassertropfen.
Gleiten am Federkleid der Möwe in die Wellen, werden Welle, werden Meer, werden wir.
Wovon träumt eine Möwe, wenn es regnet?

Johanna nion Blau, den 24.08.2025

Die tanzende Figur – Verhältnisse (Text zur Grassi Lesung)

Mich selbst umarmend, wie die Figur „Erwachen“, die ich im Grassi-Museum betrachte, strahle ich meine Gefühle aus in die Welt. Das, was darunter liegt, ohne zu lauern, umarme ich. Das, was dahinter und davor liegt, umarme ich, um zu Hoffen. Selbst gehärtet, geschmiedet, um zu schmelzen. Selbst umschlungen, in der Sonne gebrannt und ummantelt mit diesen Worten.

Auf dem Weg zum Museum. Es sitzen an einer Haltestelle ein Vater und sein ungefähr drei Jahre altes Kind. Gegenüber auf der anderen Seite, ein älterer Mensch im Rollstuhl. Das Kind ruft ihm entgegen: „Hallo!“ immer wieder „Hallo!“ und sagt dann zu seinem Vater: „Er sagt nichts, er spricht nicht mit mir.“ Eine Antwort des Vaters entgeht mir oder bleibt aus. Ich muss schmerzlich lächeln, ob der Versuche miteinander ins Gespräch zu kommen, über die unterschiedlichsten Entfernungen hinweg.

Im Museum steht eine tanzende Figur aus Keramik. Sie wurde erdacht, geformt, gebrannt, glasiert, gebrannt. Sie ist schön anzusehen. Ein Objekt umgeben von Glas. Daneben steht eine Dose, welche ich fast nicht beachtet hätte. Die Bewegung eingefroren in Materie fängt meinen Blick. Später zwei Gazellen, im Sprung dargestellt. Daneben steht auf der Glasscheibe: „Buchstützen in Form springender Gazellen, Bookends, Marcel Bouraine, Paris, um 1925, Messing, gegossen, versilbert, Marmor. …“ Konserviertes Wissen gestützt durch sprintende versilberte Gazellen. Nun im Grassi-Museum ausgestellt ohne Bücher, in ewig gleiche Bewegung gegossen.

In mir bewegen sich die Gedanken: Tanz ist Moment und will erinnert werden, um sich fortzusetzen. Sich bewegende Erfahrungen in Objekte geformt ausgestellt, beobachtet. Ich stelle mir vor, ich sei in Bernstein eingeschlossen, würde Jahrhunderte überdauern, dann wäre aus einer DNS-Probe ein Klon von mir herangezüchtet worden von den Wissenschaftler*innen oder den Unternehmer*innen der Zukunft. Während der Bernstein, der mich enthält, weiter im Museum ausgestellt wird, besuche ich ihn als Kopie meiner Selbst, betrachte ihn.
In einem ewigen Gegenüber sehe ich mich eingefroren in der Zeit, um wiedergeboren zu werden, nach meiner Zeit. Wer bin ich? Subjekt, Objekt, Kopie, Original? In welchem Verhältnis, stehe ich zu mir und der Zeit, in der ich mich befinde?

Ich bin ich. Während ich mich betrachte, gehe ich weiter, ich sehe die tanzende Figur, die Buchstützen, ich fange an zu rennen, heraus aus den Räumen, die Treppenstufen hinunter, vorbei an den Menschen, die in die Glaskästen schauen, vorbei an Statuen, welche mir hinterherträumen. Ich trete auf den Vorplatz des Museums und sehe mich um, ohne die Erinnerungen meines Alten Ichs. Voll von angestauten Potenzialen, renne ich los.

Johanna nion Blau, 08.08.2025, entstanden nach Schreibworkshop im Grassi-Museum

Ente über Wasser

Die Ente, die schläft auf dem Ast über dem Wasser. Ich sehe sie kaum unter dem Ast über dem Wasser. Die Sonne spiegelt sich auf dem Wasser. Der Kopf der Ente, ruht unter ihrem Flügel. Die Ente spiegelt sich im Wasser.
Daneben eine Ente. Sie schläft auf einem Ast, über Wasser. Ich sehe sie kaum. Sonne, spiegelt sich auf Wasser. Eine Ente spiegelt sich in Wasser.
Beide Enten schlafen. Ihre Köpfe unter den Flügeln.
In mir beflügelt mein Gefühl den Kopf, der wacht, ewig wacht, auch in der Nacht. Ich träume Geschichten, die wahr werden dürfen. Tag und Nacht. Geschichten, welche sich in Wahrheit spiegeln.

Johanna nion Blau, 11.08.2025

Erkenntnis

Meine Seele war nie krank. Ich will mich nur nie anpassen, an diese kranke Gesellschaft.
Wenn Leute lachen, lachen sie über dich. Niemand sagt etwas von Liebe. Alle gehen sich aus dem Weg, niemand berührt mich. In den Köpfen, die Bomben der Einsamkeit.
Alle hassen sich. Ist irgendwer für andere bereit?

Die Revolution findet statt im Gespräch zwischen Kopf und Herz. Daraus entsteht Liebe satt und ein delikater Schmerz. Der mich für heute fast verwandelt hat.
Bereit? Jetzt und hier auf Erden. Wenn wir uns vertrauen, wenn wir zusammen Luftschlösser bauen, wenn wir mit Kopf und Herz anderen dann begegnen, dann fängt es endlich an Frieden zu regnen.

Johanna nion Blau, 11.08.2025

Text übers Versuchen

Es gab eine Ausschreibung vom edit Magazin und der rotorbooks Buchhandlung in Leipzig. Mensch sollte einen Essay zum Thema „Grenzen“ einreichen. Ich habe es versucht, habe einen Versuch darüber geschrieben, wie ich zu leben, zu überleben versuche in der Arbeitswelt, in der Welt an sich als Mensch, als mich antreibende Kraft, und ich habe darüber geschrieben, was mich hindert. Diesen Text mag ich vor allem, weil ich ihn eingereicht habe. Ich habe mich getraut, etwas zum Thema „Grenzen“ zu konzipieren, zu schreiben, einzureichen und mich damit dann bewerten zu lassen.
Als ich vor ungefähr zwei Wochen meine neue E-Mailadresse mitgeteilt habe, kam die Absage. Das hat mich getroffen. Der Text ist sehr persönlich und zeigt gleichzeitig gesellschaftliche und politische Missstände auf. Dann wieder habe ich beim Schreiben zum Thema nicht diese Stimme gefunden, die ich manchmal schaffe niederzuschreiben, wenn ich drauflosschreibe, ohne thematische Begrenzung und ohne ein gedachtes bewertendes Gegenüber, für das ich schreibe. Ich finde die Sprache, die ich in diesem Essay verwende, hölzern, den Satzbau zu reduziert, die Argumente versuchen für sich zu sprechen, aber schaffen sie das auch? Ich werde diesen Text auf meinem Blog veröffentlichen, ohne weitere Bemerkung außer diesen Text hier übers Versuchen. So dankbar bin ich für die Möglichkeit in diese gefühlte Leere zu schreiben, dann ein paar Mausklicks, es ist online und ihr könnt es lesen. Das macht mich zufrieden. So will ich schreiben. Vor allem so, dass es für mich passt. Wenn dann Menschen, was damit anfangen können, ist es wunderbar.

Liebe Grüße, Johanna Blau