In einem Kapitel deines Lebens, war ich ein kurzer Satz. Am Ende steht ein Fragezeichen.
Ich machte dort freiwillig Platz für viele weitere glücklichere Seiten.
Im Buch deines Lebens war ich ein kurzer Satz. Ich lese es und finde meinen Namen auf vielen weiteren Seiten danach, wie einen verborgenen Schatz.
Im Buch deines Lebens war ich ein kurzer Satz. Die Antwort auf deine Frage hat vielleicht in anderen Lebensbüchern Platz.
Johanna nion Blau, 7.10.2025 (Gedenktag)
Despotismus und Mykorrhiza
Haare grau von anderer Menschen Leid, gefärbt: gelb wie purer Neid
Vererbte Narretei der starken Völker
Hungernde Herzen, entzweit
Kleider zerfetzt, Seelen verhökert
In seiner Gedanken-Welt, lebt alles ihm zu dienen
Vergessen jeder Anstand, jede Gnade
Zur Gunst der Stunde, die er ewig jage
Vergisst er seine Freunde, sobald sie fielen.
Und hier und da, wie überall die Köpfe dieses Übels
Schießen wie Pilze aus dem Boden
Wir wissen um das Geflecht von Patriarchat und Kapitalismus.
Genannt wird Faschismus dieser schlechte Odem
Eine solidarische Mykorrhiza dem entgegenstellen
Von den Bewegungen, in der alle den Frieden erkennen
Zusammen in die Richtung Zukunft schauen,
Gewichtige Luftschlösser bauen, die bald schon Leben in sich tragen.
Gedeihen an Ideen und in Banden Projekte starten.
Zusammen den längeren Atem haben, die saubere Luft zu messen, zu bewahren.
Vergangene Taten nicht vergessen und darauf schauend Neues Planen.
Mein Verstand erzählt mir von der Zukunft, die heiß wird, die unseren Stolz verbrennt und unsere Liebe anfacht. Das Leben wie es Pläne schmiedet und wie die Sonne dazu lacht, der Mond hat einen Witz gemacht, in einer seltenen kühlen Nacht. Für die folgenden Generationen: Gemeinschaften ohne Macht.
Johanna nion Blau, 27.09.2025

Herbstanfang 2025
Wenn die Blaue Stunde beginnt, tanzt die antifaschistische Hexe mit den Ahn*innen, den Geistern, mit den Bildern ihres Unbewussten. So tanzt sie in Reigen Ihrergleichen, im ewigen Kreis, um ihre Gedankenbilder zu begeistern. Und die Wut tanzt mit; stampft auf mit den Hufen. Und die Gnade dreht sich im Kreis gehalten von der Liebe. Hoffnung und Hass halten Spalier für die Gefühls-Polka durch den Wilden Garten Erde.
Fühl mich gehalten von meinem Fühlen, ich lass mich nicht mehr aufhalten, von was auch immer geschah. Jetzt ist die Zeit der Gefühle, und ich lade sie alle ein zum Wilden Tanz, dann zur Wilden Jagd. Deer Woman, wo bist du, wenn wir dich brauchen? Warum gibt es hier keine mythologische Rache für Femizide? Warum scheint das alles so schrecklich normal?
Im Geist, der mich umhaucht, steht der Rauch bis zum Bauchnabel. In meinem Denken keimt ein Setzling, die Herzförmigen Blätter suchen sich ihre Erde selbst aus. Prüfung und Siegel, dem der mich will, wie ich ihn. Heilende Erde, heilendes Kraut.
Das in allen mit Leid geschmiedeten Seelen, immer doch andere Losungen schwelen. Das in vielen mit Liebe geimpften Herzen, die Hoffnung auf Allmende immer wieder keimt. Wer bin ich? Dazwischen. Das Leben schreibe ich, ummantele mich mit meinen Worten. Ich umgehe Fallen der Niedertracht, Schlaglöcher der Härte, hin zu ungekannter Freude.
Ich schreibe mein Sternbild an den Himmel zu meinen Lebzeiten. Ohne Ovid zu kränken: meine Metamorphose braucht keine Götter.
Ich werde mein Schicksal so lenken, es könnte eine Sage sein, doch wahr wird alles: gelebt in diesem Fleisch, durch diesen Geist, mit dieser Seele.
Johanna nion Blau, 22.09.2025

Die viel besungene Liebe
Erdrückt zwischen Schattenspielen.
Kann nicht oft genug von meinem Herzen schreiben.
Was nützt es Vielen?
Will bei dem Einen sitzen bleiben.
Dich habe ich erwählt, doch alles scheint dagegen:
Die Zeit, die Welt, mein Liebesleben.
Verrückt ist, was ich denke. Was ich fühle, ist klar.
Das Könnte, Würde, Wöllte ist schlicht zu wunderbar.
Ich traue dem Frieden nicht, da meine Liebe bisher immer nur Krieg gebar.
Johanna nion Blau, 14. September 2025
Zerriebene Sorge würzt meine Mahlzeiten
Will heftige Gefühle fühlen, will mein Selbst hindurch geleiten. Wohin? Traumartig den Tag aufzeichnen mit Worten, wie Taugenichtse. Macht für wen auch immer vielleicht keinen Sinn.
Wenn in der Welt geschossen wird, brauch ich „Mentale Schutzschilde“, gebe mich hin den Meinungen, Haltungen, den Überzeugungen der anderen in Gesprächen. Wäge ab und schäle alles, was ich hörte. Dann schneide ich es in mundgroße Stücke, kaue darauf herum, würze es mit Sorge, mit Hoffnung und mit meinem Blick auf diese Welt. Wieder ein Buch bestellt: Die Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus. Reclam Verlag.
Das, was ich weiß, ist: Wir brauchen Lösungen, wir brauchen Frieden. Solidarität und Selbstfürsorge für Alle. Für alle? Sicherheit im Denken, im Fühlen, im Handeln. Wenn die Menschen sich auf ihren nächsten Tag freuen würden, wäre unsere Gesellschaft eine andere. Bessere?
Zukunftsgewand: Ich ziehe es an ohne dystopischen Schmuck, ohne utopische Kopfbedeckung. Bin ich nackt, wie einst ein schlecht beratener Kaiser?
Versuche zu verstehen, was andere so sicher macht im Denken. Wenn meine Ängste mich lenken, die Gefahren von oben blenden, wenn alles nach Liebe schreit und der Hass sich so weit verzweigt, dass ich still werde. Das ist gleichzeitig der Ort, an dem ich bin, der Ort, an dem ich schreibe. Was wäre, wenn: Ich zuhöre, und keine Antwort gebe. Was wäre, wenn meine Meinung nicht ausschlaggebend ist. Diese Ohnmacht ist schlimm, aber erträglich. Die Handlungsmacht im Rahmen meiner Möglichkeiten, bedeutet dies aufzuschreiben ohne abschließenden Ratschlag.
Das Leben, wie es zuschlägt. Das Leben, wie es aufschlägt. Das ist die gefühlte Wahrheit meiner Worte.
Wir sind alle Zeug*innen, wir sind alle betroffen, alle sogenannten Klassen. Wir suchen alle Lösungen, wenn in Wahrheit Probleme sich besser verkaufen lassen.
Die Wurzeln des Baumes der Erkenntnis treiben tief aus, im fruchtbaren Boden der Möglichkeiten. Das Wünschen und das Hoffen und die Schmerzen begleiten jedes Wachstum und jede Geburt. Die Welt, die wir gern hätten, existiert in unseren Träumen und ist bereit, durch die Erde zu brechen und zu wachsen auf dem Boden der Tatsachen. Wir, das heißt wir alle sind berufen, das Wasser und das Licht zu sein für diesen Baum, dessen Früchte wir alle genießen dürfen, wenn sie denn reifen dürften. Johanna nion Blau, 13. September 2025
Sicht bei Nebel (PMS)
Wie ein Nebelumhang, klamm, wettergegerbt, legt sich ein Tuch um mein Herz. Wohlbekannt. Und herzlich lege ich meine Hand darauf.
Wie ein altes Fischernetz ohne sichtbares Muster, mit Leerstellen und mit Muschelschalen behaftet, denkt mein Hirn heute den gestrigen Tag. Meine Erinnerung beinhaltet Wolken, da wo Sonne schien.
Verkehrte Welt: Im Fallen deckt sich das Dach von selbst ab, die Möbel wandern nach oben. Was sichtbar bleibt, ist der Hauskamin, in dem das letzte Feuer lodert. Prometheus nimmt es an sich für später.
Wie noch nie, sah ich die Menschen fliegend oder fallend Halt verlieren.
Wie noch nie, habe ich dabei gedacht: Falle oder fliege ich? Gerade im Träumen ist der Unterschied schwer auszumachen, wie Feuer im Sturm. Gerade im Denken vergesse ich Kurven zu nehmen, die wichtig, sind für den Sprung nach vorn.
Gedanken heben sich ab, wie die Möwe, welche den Sprung wagt von der Welle auf der sie noch vor kurzem tanzte, hinab in den Himmel.
Ein Wolkenmeer. Die Muster aller Dinge, aller Menschen enthält es und die Möwe schwebt hindurch. Ein Geist, obwohl sie die ist, die lebt.
Fliegend erhebt sie die Erinnerung. In der Schwebe wird ein Traum tragbar.
Das Bild bekommt Tiefe. Alles reift, wird undurchsichtig. Die Wolke verwandelt sich in ein Luftschiff. Die Möwe, setzt sich auf den höchsten Mast.
Selbstvergessen wird das, was ich betrachte, wahr. Ich wünsche dem fallenden Stern einen guten Flug ins Verglühen. Ich wünsche der Welt einen guten Start ins neue …zän. Die Wogen glätten sich. Die Möwe fliegt auf, schwebt hoch über den Wellen, hoch über den Wolken, ihr Schnabel kratzt Sternenstaub vom Universum. Die Funken verglühen auf der Erde. Gedanken an das Ungewohnte Glück.
Vertraut erhebt sich die Möwe. Sie lässt sich treiben von Wind und ihrem Bauchgefühl, der nächste Fisch, die nächste Nähe, die nächste Ruhe vor Augen. Es regnet. Alle Wolkenbilder verformen sich zu Wassertropfen.
Gleiten am Federkleid der Möwe in die Wellen, werden Welle, werden Meer, werden wir.
Wovon träumt eine Möwe, wenn es regnet?
Johanna nion Blau, den 24.08.2025
Die tanzende Figur – Verhältnisse (Text zur Grassi Lesung)
Mich selbst umarmend, wie die Figur „Erwachen“, die ich im Grassi-Museum betrachte, strahle ich meine Gefühle aus in die Welt. Das, was darunter liegt, ohne zu lauern, umarme ich. Das, was dahinter und davor liegt, umarme ich, um zu Hoffen. Selbst gehärtet, geschmiedet, um zu schmelzen. Selbst umschlungen, in der Sonne gebrannt und ummantelt mit diesen Worten.
Auf dem Weg zum Museum. Es sitzen an einer Haltestelle ein Vater und sein ungefähr drei Jahre altes Kind. Gegenüber auf der anderen Seite, ein älterer Mensch im Rollstuhl. Das Kind ruft ihm entgegen: „Hallo!“ immer wieder „Hallo!“ und sagt dann zu seinem Vater: „Er sagt nichts, er spricht nicht mit mir.“ Eine Antwort des Vaters entgeht mir oder bleibt aus. Ich muss schmerzlich lächeln, ob der Versuche miteinander ins Gespräch zu kommen, über die unterschiedlichsten Entfernungen hinweg.
Im Museum steht eine tanzende Figur aus Keramik. Sie wurde erdacht, geformt, gebrannt, glasiert, gebrannt. Sie ist schön anzusehen. Ein Objekt umgeben von Glas. Daneben steht eine Dose, welche ich fast nicht beachtet hätte. Die Bewegung eingefroren in Materie fängt meinen Blick. Später zwei Gazellen, im Sprung dargestellt. Daneben steht auf der Glasscheibe: „Buchstützen in Form springender Gazellen, Bookends, Marcel Bouraine, Paris, um 1925, Messing, gegossen, versilbert, Marmor. …“ Konserviertes Wissen gestützt durch sprintende versilberte Gazellen. Nun im Grassi-Museum ausgestellt ohne Bücher, in ewig gleiche Bewegung gegossen.
In mir bewegen sich die Gedanken: Tanz ist Moment und will erinnert werden, um sich fortzusetzen. Sich bewegende Erfahrungen in Objekte geformt ausgestellt, beobachtet. Ich stelle mir vor, ich sei in Bernstein eingeschlossen, würde Jahrhunderte überdauern, dann wäre aus einer DNS-Probe ein Klon von mir herangezüchtet worden von den Wissenschaftler*innen oder den Unternehmer*innen der Zukunft. Während der Bernstein, der mich enthält, weiter im Museum ausgestellt wird, besuche ich ihn als Kopie meiner Selbst, betrachte ihn.
In einem ewigen Gegenüber sehe ich mich eingefroren in der Zeit, um wiedergeboren zu werden, nach meiner Zeit. Wer bin ich? Subjekt, Objekt, Kopie, Original? In welchem Verhältnis, stehe ich zu mir und der Zeit, in der ich mich befinde?
Ich bin ich. Während ich mich betrachte, gehe ich weiter, ich sehe die tanzende Figur, die Buchstützen, ich fange an zu rennen, heraus aus den Räumen, die Treppenstufen hinunter, vorbei an den Menschen, die in die Glaskästen schauen, vorbei an Statuen, welche mir hinterherträumen. Ich trete auf den Vorplatz des Museums und sehe mich um, ohne die Erinnerungen meines Alten Ichs. Voll von angestauten Potenzialen, renne ich los.
Johanna nion Blau, 08.08.2025, entstanden nach Schreibworkshop im Grassi-Museum



