Elemente I

Die Luft, wie gebrannter Ton. Um mich der Wind, der meinen Körper schleift. Tag für Tag draußen bin ich und auf der Suche. Meine Kinder um mich. Ich lehre sie überleben in einer Welt, die wir fast getötet haben. Das was noch lebt, ist der Tod selbst für diesen unseren Planeten. Nur gut, das wir nicht gewandert sind in andere Welten. Wir werden so lange leiden, wie unsere Mutter es zulässt. Alles vergessen, fast alles. Alles was noch übrig ist an Wissen: Biologie und Geschichte, Politik nicht, nein nicht mehr, das lehre ich sie. Bis ich leer bin und mich in der Leere wiederfinde. Ich hoffe, das Lied meiner Ahnen wird in ihnen glühen wie über uns die Sonne und ihnen Demut beibringen, so wie ich ihnen Stolz beibringe. Und immer wieder dieses Lied in meinem Ohr, es singt die Farbe Grün: weite Wiesen, Wälder mit Bäumen höher als die Ruinen. Es singt von der Farbe Blau: unendliche Ozeane, Seen, Flüsse, Wasser. Ich lecke meine Tränen auf und schmecke das allgegenwärtige Salz auf der Zunge. Ich fange an zu sprechen, meine Kinder hören mir aufmerksam zu.

Ausgedörrte Erde mit einzelnen Grasbüscheln, Foto: JB 2021

Lichtung der Worte I

Verzweiflung sieht die Sterne oben leuchten von tief unten, gerade wegen dieser Dunkelheit.
Der Weg, den ich gehe, ist gepflastert von Ideen, beleuchtet und beschattet von Zeit.
Fantasien will neu-entstehen, zwischen Buchdeckeln, wenn schon nicht in Wirklichkeit.
Will schreiben, was mich begleitet so lange Zeit und entdecken wie sich weiterspinnt,
Der Faden, dem unser Leben entrinnt.

JB 11-2021
Herbstlicher Auwald, Wanderweg, Foto: JB 2021

Silberstreif

Verschlafen, fast ganz eingebüßt meine Sehnsucht.
Finde, es geht mir besser ohne dieses Suchen.
Doch bin ich ganz und gar zufrieden ohne inneres Rufen und ohne Kluft?

Das Leben, das ich lebe, sinkt dank Völlerei tief in Routine ein.
Laufe wie mit Ketten im Morast.
Bin gerüstet für einen längeren Aufenthalt im Knast, zusammen mit alter Pein.

Doch mein Blut wird dort alt, da die Sonne es nicht aufwärmt.
Mein Körper wird fad, da er nicht eintaucht in Gefühl.
Mein Herz wird kalt, vor lauter Kalkül, da es nicht schwärmt.

Mein Suchen treib ich nun voran und bin wieder im Spiel.
Wille zündet Funken, leuchtet, ihr die Mut hat, diese Straße weiter zu erkunden.
Sie trägt davon tiefe Wunden, doch salbt sich am Ziel.

Dort fällt die Sünde ab von mir, wie eine alte Haut.
Verrenke nicht mehr meine Freundlichkeit.
Bevor mein Hoffen nochmals ergraut, Ihr verzeiht;
Rufe ich es aus und schreibe dann auf:
“Wann und wo sonst als hier und jetzt ist für die Liebe Zeit.“

JB-11-2021
Gänse fliegen vor einer Wolkendecke über einem sandigen Steilufer eines Baggersees.
Gänse über Baggersee, Foto: JB

Wer, was und warum?

Für wen schreibe ich?

Seit es literatpro.de als Plattform so nicht mehr gibt, veröffentliche ich nicht nur nichts mehr, ich schreibe auch viel viel weniger. Ungern schreibe ich für den leeren Raum. Das wird mir umso klarer, je schwieriger es wird (wohl auch wegen Corona), meine Gedichte zu veröffentlichen in einem Leipziger Verlag. BOD überlege ich jetzt, aber habe gerade überhaupt keine Kohle.

Was tun?

Weiter lesen und mir meiner Stimme immer bewusster werden. Was will ich sagen und wie will ich es ausdrücken? Was will ich der Welt mitteilen?

Dazu kommt noch die Frage, ob ich meine „Alten Sachen“ noch wertschätzen kann? Stehe ich noch hinter meiner Sehnsuchtslyrik oder ist das für mich wie für andere Lyriker*innen nicht relevant genug um zu überdauern? Ich habe Liebe empfunden und dieses Gefühl wenn das denn möglich ist, in Versen verdichtet. Mein letzter Text über Mary Wollstonecraft Shelley rührt etwas in mir an. Er singt ein Lied von Geburt und Sterben, davon etwas zu schaffen, was in der Welt etwas bewirken könnte und wenn nur bei einem einzigen Menschen.

Warum schreibe ich?

Angefangen habe ich, um meine Gedanken aus dem Kopf zu bekommen. Festgeschrieben stolpern sie nicht mehr ungefragt über die Schwelle in mein Denken. Nicht mehr so oft, nicht mehr so intensiv. Warum habe ich also damit aufgehört, bis auf die eine Seite Tagebuch am Tag? Ich bin selbst gerade im Wandel begriffen und werde mir immer mehr bewusst dessen, dass ich mich schmelze und neu forme. Wenn nicht Tag für Tag, dann doch Monat für Monat und Jahr für Jahr. Meine Gedanken sind in Rage und wüten durch den Käfig in den ich sie gesteckt habe, so dass ich überwältigt werde von Gefühlen, die ich nicht greifen kann. Mein Kopf rast. Keine Rast in Sicht. Und doch, ich schreibe wieder. Für mich? Für andere?

Immer für mich, immer um klar zu kommen, Probleme zu analysieren, Lösungen zu erschaffen.

So zum Beispiel: Ich habe meinen Blog, ich suche mir vielleicht ein anderes Schreibportal, Corona ist auch irgendwann vorbei hoffentlich und bis dahin sichte ich über dreihundert Gedichte, siebe aus und wenn nötig hab ich auch einen funktionierenden Drucker. Dann drucke ich halt selbst wieder aus mit Zeichnungen und Fotografien, genug Stoff ist da. Ich muss mich nur daranmachen und darauf habe ich auch wieder Lust und Zeit.

JB-JohannaBlau-hybridmoment-puzzledsphinx, Oktober 2021

yeah-Schriftzug in blauer Leuchtreklame

Oh Pan-Demi

Die Worte wollen wissen was wir wünschen zu wirken.
In meinem Sein trägt der Wunsch Früchte, mich zu entdecken.
Das Wollen und die Lust daran erstickt noch in Einsamkeit.
Doch meine Augen finden Fragen und Antworten in deinen Augen.
Der Herd bindet mich nicht und ich will auch sonst an niemanden gebunden sein.
Ich bin frei zu entdecken, wer ich bin.
Ein Mensch, der liebt kennenzulernen, Tiefe Gründe auszuloten und mich dabei tanzend zu versuchen.
Rufe ich die Schatten, sind sie da, mir Erkenntnis zu geben.
Bin ich licht in Momenten der Einsamkeit, für Sorgen bereit.
Bereit mich zu geben.
Bereit zu vergeben.
Bereit zu erleben.

JB 10-2021
JB 09-2021, Buche mit gebogenen Ästen

Mary Wollstonecraft Shelleys Nachtmahr

Wenn alles, was ich wünschte wahr geworden wäre, um dann wie ein Geist sich vor meinen Augen zu zerstäuben. Wie wäre dieser Schmerz mir eingebrannt, mir das wieder zu nehmen? Wie sollte ich mich unsichtbar betäuben?
Nicht durch Poesie und nicht durch Küsse. In meiner Hand brennt die Erinnerung und ich streiche sie über meinen Körper, damit ich sie niemals vergesse.

Mein Leben endet nicht, es blüht auf. Und immer weiter treibt mein Atmen Blüten in die Welt, schickt sie hinaus und lässt sie dann vergehen. Vor meinen Augen verwelken meine Träume. Der Pranger ist mir zu gut, als das ich schweigen könnte.

Mein Herz ist aus Glas, zersplittert schwimmt es in meinen Blutbahnen. Der Schmerz, wenn ich wache, der Schein, wenn ich schlafe, wie geschaffen mich zu martern, mein Leben lang.

Wenn ich an die Liebe denke, die ich empfinde, so groß, wie ein Bergmassiv und wie sehr du dich darin verrennst, dort Gold zu finden; wie du in meiner Liebe gräbst. Das Dynamit in der Hand, schwörst du mir, mich zu schonen.

Das zu schaffen, was mich fürchtet, das zu erschaffen, was mich ausmacht, das mir zu verschaffen, was alle anderen mir vorenthalten wollen. Nicht in einer Nacht empfangen, in hunderten. Gereift ist der Samen meines Geistes. Mein Selbst heißt meine Schöpfung willkommen. Hinein geboren in eine Welt, die uns nicht zu schätzen weiß. Auf immer möchte ich die Hand ausstrecken. Das was mich erweckt, will ich umfassen. In der Dunkelheit den Keim entdecken, der uns ausmacht. In Distanz den Faden finden, der mich zu dir führt. Haltlos schweben wie der Geist, der ich war. Dann das Tuch von mir werfen auf das mich alle sehen und sehen was geschrieben steht. Mit beiden Beinen wieder auf der Erde stehen, und nicht mehr warten, dass sie mich begräbt. In meiner Ruhe finde ich neue Taten. Meine Leben, meine Liebe sammle ich um mich, um zu sagen: Ich bereue nichts.

Johanna Blau am 26. August 2021

Alte Schreibmaschinentastatur, JB, 2020

Glaszeitalter

Scherben im Sand,
Glaswurzel vom Blitz geformt und in den Strand eingebrannt.
Wie selten die Form das Sein bestimmt und Donnergrollen Klarheit schafft.
Im Untergang der Sonne spiegelt sich Tiefe wider,
Anfangs einander so leichtfertig versprochen.
Wandelbar der Wille für sich selbst einzustehen.
Perlen der Kraft, die in Muscheln der Muße heranreifen. 
In den Himmel eingehen, die Tore bilden, die die Engel durchschritten.
Und mit den Menschen litten, bis die nicht mehr glaubten zu hoffen.
Erträume mir jetzt kräftige Glieder, um mich auszurichten am gerechten Wirken.
Nicht um zu richten, doch um zu verstehen.

Unter Birken sähe ich den Mut meines Herzens in die Welt, auf das die Pilze wachsen und das Geflecht darunter ausstrahlt meilenweit in unsere Zukunft.
Spiegel der Zukunft? Gläserne Menschen streben nach Durch-Lässigkeit. Für Vermutungen wohl nicht mehr die Zeit. Sie wollen Glas-Klarheit in Gesprächen wie in Gedanken. Kein Wesen soll mehr zerbrechliche Gefühle hegen. Kein Zweifel soll mehr sich um unsere Körper ranken. Kein Geheimnis sollen sie mehr pflegen, welches sie ins Wanken bringt. Wie die Dämme brachen im Zeitalter des Glases. Und die Verbindung abrach, nachdem sie so unendlich viel geteilt hatten. 

Und doch will ich jetzt und hier anders leben und meinen Kern schmelzend auf die Reise schicken, wenn ich das Gefühl habe zu fallen. Vorher ohne Plan das Ruder kreisen lassen auf meinem Lebensweg. Bis zum Vulkan der Liebe reisen, um dort vielleicht sogar gänzlich zu verglühen. Als Lava mich ergießen und neu geformt werden von der kalten blauen See. Der Kreis ist vollendet, wenn ich wie Phoenix auferstehe. Als Erde wieder das Myzel und die Wurzeln berge. Das alles in Sekunden oder Jahrhunderten, wer weiß schon, wie die Zeit fließt, wenn alles sich bewegt.
Im Glaszeitalter, in dem Schrott-Satelliten durchs All torkeln. Der Mond sich wandelt und die Fluten fällt. Wie ein Herz in der sonst unendlich kalten Welt, ein Stern auf seiner Bahn uns alle erhält. Der Planet seine Hülle vielleicht behält. Der Mensch wieder Erde statt Glas bestellt.

Johanna Blau 07-2021
JB, 2021