Warum Spatzen für mich die wichtigsten Geschöpfe auf der Erde sind

Heute im Park beim Lesen spazierten die Spatzen auf den frühlingshaft grünen Zweigen umher und tschilpten sich zu.

Heute auf dem Weg nach Hause vom Einkauf, flog so ein Spatz an mir vorbei und mir kam ein Gedanke: Für mich sind Spatzen die wichtigsten Wesen auf der Erde. Es wird nicht einfach sein, das Warum zu erläutern, aber ich werde es in diesem Text versuchen; auch weil heute Weltspatzentag ist, wie ich beim Scrollen in Facebook erfahren durfte, habe ich mich entschlossen diesem Gedanken nachzugehen.

Heute ist ebenso Tag des Glücks, wie meine Eltern am Telefon erzählten, was für mich super zusammen passt: Glück wie Vierblättriger Klee, Fliegenpilz oder halt Spatzentschilpen. Die Frage stellt sich nur, wer diese „Tage des …“ festlegt? Gibt es da ein Komitee, was sich damit beschäftigt? Aber ich schweife ab. Zurück zu den unauffälligen und vielleicht deswegen sehr lauten Haussperlingen, wie sie in der Vogelkunde genannt werden.

Aufgewachsen bin ich in einem Haus mit bröckligem Putz und vielen Ritzen. Prädestiniert für eine Spatzenkolonie. Solange ich hören kann, höre ich ihr Tschilpen also. Schon als Baby im Kinderwagen und auch als kleines Kind. Als Jugendliche hab ich dann oft mit Kopfhörern Musik gehört aber nie, um die Spatzen auszublenden. Das war für mich auch Musik. Musik, die ich hier in Leipzig wieder an einigen Ecken höre. Und ja, das ist dann für mich ein nostalgisches Glücksgefühl an Kindheit mit viel Raum und Zeit.

Ein Dilemma ist es da, dass ich auch Katzen sehr mag, die wie alle wissen Spatzen zum Fressen gern haben. Eine Episode meiner Jugend: Ich sollte Wäsche auf dem Wäscheboden aufhängen. Meine Katzenfreundin Biene wollte unbedingt mitkommen. Ich ließ sie und als ich mit Wäsche aufhängen beschäftigt war, hörte ich auf einmal aufgeregtes Tschilpen. Da kam auch schon Biene angelaufen mit einem toten Spatzenküken im Maul. Ich hatte ein sehr schlechtes Gewissen deswegen, denn ich hatte Eins und Eins nicht zusammen gezählt. Unsere Spatzenkolonie brütete unter dem Dach und vom Dachboden aus war es für eine Katze ein leichtes die Nester zu erreichen. Das war mir aber eine Lehre für die Zukunft und ist mir nicht nochmal passiert.

Warum nun sind diese Vögel mir so wichtig? Das mit der Nostalgie ist vielleicht klar geworden. Des weiteren sind Haussperlinge für mich der Inbegriff der Stadtnatur. Sie sind angewiesen auf Hecken, in denen sie nisten und ruhen können. Sie brauchen Nahrung in Form von Raupen und Samen. Das alles gibt es in einer „aufgeräumten“ Stadt leider nicht mehr. Alles wilde, alle Spielplätze für die Natur sind da schon den Baggern und Neubauten gewichen. Noch ist es in Leipzig nicht ganz still, aber mir fallen umso mehr die Inseln der Spatzen auf, die noch übrig geblieben sind. Und es wird gebaut und gebaut.

Warum ich das so schlimm finde? Ich finde das schlimm, weil ich mich nicht als Krone der Schöpfung ansehe. Als Mensch sehe ich mich nicht über anderen Lebewesen stehen. Ich versuche auch danach zu leben, was sehr schwer fällt, wenn ich mir vor allem meinen Speiseplan anschaue. Ich will auch nicht predigen. Ich will versuchen, verständlich darzulegen, warum mein Leben nicht wertvoller ist als das eines Spatzen, was meine vollste Überzeugung ist. Und dann erkläre ich sogar, warum er für mich wichtiger ist als meine eigene Spezies, wie die Überschrift ja provokanter weise ausdrückt.

Es gibt Lebewesen auf der Erde, die schon so lange existieren als Art, sich immer weiter entwickeln bis hin zur Perfektion. Der Mensch gehört für mich sicher nicht zu diesen Lebewesen; Bakterien, Viren oder Pilze, sind da schon näher dran. Zugegeben sie haben auch Vorsprung was die Zeit angeht, in der sie sich entwickeln konnten. Überhaupt, wenn ich daran denke, wie großspurig die Spezies Mensch von sich denkt, dann ist da wohl ein riesiger Minderwertigkeitskomplex am Start. Da muss an Evolutionsjahren einiges kompensiert werden mit hoher Denkleistung, Bewusstseinswerdung und vielen, vielen positiven Mantras. Oder anders ausgedrückt: Größenwahn.

Wie soll das auch anders sein, wenn mensch sich sogar seiner nächsten Verwandtschaft den Affen schämt? Lange Zeit wollten wir diese Verwandtschaft ja auch nicht anerkennen und es gibt immer noch genug Vertreter von Homo Sapiens, für die die Erde eine Scheibe ist, sieben Tage lange im größten Steinofen des Universums von Gott gebacken. Da hat so was wie Evolution keinen Platz und die Menschen haben von Papa ja auch den Freifahrtschein bekommen über die Erde zu herrschen, sie sich Untertan zu machen und sie dann, wie ein spielendes Kind das Kinderzimmer, zu verwüsten. Nicht mein Weltbild!

Mein Weltbild hat viel mehr mit einem Kreis zu tun als mit einem nach oben spitzen Dreieck. Ich meine Kreis im Sinne von dem „Circle of Life“. In dieser Grafik sind wir eine ganz kleine Nummer, wenn auch unser „Impact“ verheerend ist. Und in diesem Kreis des Lebens sehe ich auch dass Spatzen schon so einiges überlebt haben. Wie andere Vögel sind sie die Nachfahren von den Dinosauriern. Sie hatten Zeit so geniale Sachen wie Federn zu entwickeln und fliegen zu lernen. (Achtung „Flugneid“ nicht ausgeschlossen.) Sie haben sich wie Wolf und Katze entschieden in der Nähe des Menschen zu leben. Wobei sie wohl wiederum mehr mit Katzen gemein haben, die auch gut ohne Menschen auskommen können, wenn es denn drauf ankommt.

Und nun sind auch diese Tiere, die solange so gut überlebt haben am Verschwinden. Diesen Spruch von Einstein oder Maurice Materlinck finde ich sehr passend: „Wenn die Bienen aussterben, sterben vier Jahre später auch die Menschen“. Für mich und auf Spatzen übertragen heißt das: „Wenn die Spatzen aus meinem Leben verschwinden, geht mit ihnen für immer auch meine geistige Gesundheit.“ Und da mir diese sehr wichtig ist und ich auch schon weiß, wie es sich ohne anfühlt, sind mir Spatzen wichtiger als ich selbst es bin.

JB-20-März-2019

Diagnosen sind die neuen Sternzeichen

Ich bin als paranoid schizophren diagnostiziert, aber in meinen Augen hat das ungefähr soviel Gewicht wie für andere das eigene Sternzeichen. Ehrlich gesagt hat mein Sternzeichen für mich mehr Gewicht. Die Frage ist doch, ob ich mich dadurch definiere, oder es als Begriff sehe, der etwas zusammenfasst, was sich eigentlich doch gar nicht zusammenfassen lässt. Nicht alle unter einem Sternzeichen geborenen sind gleich, so ist es auch mit Diagnosen. Und überhaupt, ist nicht eh alles am zerfließen, Schubladendenken ist Einbildung, oder etwa nicht?

Auch ich nutze Schubladen, um schnelle Entscheidungen zu treffen, wenn mein Bauchgefühl gerade mit meinem Blinddarm zusammen Urlaub macht, irgendwo anders. Wo auch immer. Das heißt aber nicht, dass das immer die richtigen oder auch besten Entscheidungen waren und sind. Die besten Entscheidungen treffe ich aus dem Bauch heraus. Aber was heißt das? Heißt das nicht einfach, dass ich gesammelte Informationen so verknüpfe, dass mir eine Entscheidung so leicht fällt, oder auch einfach so plausibel erscheint, dass ich damit gut leben kann und auch für diese Entscheidung einstehe.

Wie ist das nun bei Astrolog*innen? Da gibt es ja verschiedene Schulen, da müssen sich die Guten schon mal für eine entscheiden und dann ist da oben wie unten und unten wie oben, was in Jahrhunderte alten Büchern steht. Ist das auf unser Jetzt einfach so übertragbar oder muss das angepasst werden? Mein Geburtshoroskop sagt mir zum Beispiel, dass ich in zwischenmenschlichen Beziehungen immer eine Herausforderung finden werde. Anders ausgedrückt, es ist nicht einfach für mich, es mit einer/m Partner*in auszuhalten. Ist auch so, schon das Wort Beziehung reizt mich, aber vielleicht ja auch, weil ich die Beschreibung zum Quadrat Venus und Mars gelesen habe und nun der Überzeugung bin, dass das bei mir schwierig ist. Hm, Henne oder Ei? Oder lieber doch Rührtofu?

Wie ist das nun bei Psychiater*innen? Da gibt es eigentlich nur eine Schule, da müssen sich die Guten schon mal nicht entscheiden und da ist dann alles kategorisiert und verschlagwortet und pathologisiert ja eh. Alles ist in Diagnosen aufgeschlüsselt und ein Spezialfach wird auch noch gewählt. Wie war das noch: Wenn wir uns viel mit Schwangerschaft beschäftigen, sehen wir auf einmal überall Schwangere? Dazu kommt, dass ja häufig Leute in schweren Krisen in die Klinik kommen und dann auch manchmal Drehtür-mäßig wiederkommen. Ich war selbst vor drei Jahren zwei Wochen zur Tablettenumstellung in der Klinik und vier Jahre davor und acht Jahre davor. Als ich das letzte Mal psychotisch war, wurde meinen Eltern empfohlen mich betreuen zu lassen und ich habe selbst meine Zukunft in einer geschützten Werkstatt gesehen. Nun habe ich wieder eine Arbeit auf dem „ersten Arbeitsmarkt“ und kann diesen Text schreiben, was auch keine Selbstverständlichkeit ist.

Vieles wird geprägt durch die eingenommene Perspektive. Das ist meine Erfahrung. Viel ist Beobachtung und Reflexion. Wie die Katze in der Kiste, die nur lebt oder tot ist, solange wir darüber nachdenken. Daher beschäftige ich mich gern mit Physik und Fragen, die noch mehr Fragen hervorrufen, dadurch bleibt mein Geist rege und hat zu tun. Mein Geist hat dann soviel zu tun, dass ich mich freue. Und wenn das passiert, dann kommt da was ins Gleichgewicht. Genauso wie, wenn ich mit Leuten rede und meine Gedanken äußere, was ich mich lange Zeit nicht getraut habe. Da geht es dann vielleicht, um die Eigenschaften des Sternzeichens Jungfrau, und dass das ja irgendwie auch auf Leute mit anderen Sternzeichen zutreffen kann. Stimmt! Alles ist relativ. Hm, raus aus der Schublade und tanzen zu Möglichkeiten und dabei Käptn Peng hören. Wie ich es grad tue beim Schreiben dieses Textes. „Käptn Peng und die Tentakel von Delphi“ könnten eh in jeder Musiktherapie in jeder Klinik und überhaupt überall gespielt werden, zum Beispiel „Gelernt“, oder „Sockosophie“ oder „Kündigung 2.0“ oder „OHA“.

Das meiste macht also die Perspektive aus und ich hab mich dazu entschlossen es positiv zu sehen. Durch meine Krisen, habe ich meinen Horizont erweitert, teilweise Blockaden überwunden, teilweise Blockaden sichtbar gemacht. Heilung ist ein großes Wort bei Schizophrenie aber ich nehme mir nicht die Meinung vieler Psychiater zum Vorbild, dass es Heilung bei meiner Erkrankung nicht geben kann, sondern erinnere mich an all die Grenzen, die ich in mir aufgespürt und dann überwunden habe. Wachstum nennt sich das dann wohl. Ja, Wachstum ist das, in einer Form einer Spirale. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich an einem Punkt angekommen bin, an dem ich schon mal war. Die Situation ist aber vielleicht vergleichbar, aber ich habe meine Perspektive geändert; ob nun mit Draufsicht oder Durchblick oder durch hinterfragendes Beobachten. Es wird mehrdimensional wo es früher paradox erschien. Und die Erleuchtung hat mich hinter Spiegel geführt, wo ich vielleicht einen kurzen Blick auf mein echtes Selbst erhaschen konnte, aber welcher Mensch erträgt schon so was, wenn er*sie nicht darauf vorbereitet worden ist. Alles was dann folgt, ohne die Leitung von Menschen, die mit Selbsterfahrung erfahren sind, wird höchstwahrscheinlich ausarten. Da sind alle diese Zäune, aus denen mein Umfeld ein Labyrinth gebaut hat, mit Konventionen, Regeln oder auch nur Redewendungen und ich bin dann einfach über diese Zäune gesprungen, statt dem Weg zu suchen und in allen Sackgassen zu landen, die das Leben der Anderen geprägt hat. Wen verstört das mehr?

Was dann war? Chaos im Kopf. Aber darum soll es mir jetzt nicht gehen. Ich hab Bock auf Lösungsorientierung. Und die Lösung ist es durchzustehen, sich eingestehen, dass ich Hilfe brauche und diese Hilfe anzunehmen, sich „zu verlieren“, „zu zersetzen“ und dann wieder neu zusammen zu puzzeln. Denn das alte Ich, das gibt es nicht mehr. Es ist ähnlich wie, wenn mich jemand teleportiert hätte auf einen anderen Planeten mit mehr oder weniger Schwerkraft als auf der Erde herrscht. Da ist nichts mehr, was mich in alten Bahnen hält, außer vielleicht die Leute, die mich vorher kannten. Aber da durch die Medis und was sonst noch, eh erst einmal Depression angesagt ist, erkennt dich eh keiner wieder. Und das kann Jahre lang so gehen, weil es auch dafür einen Namen gibt im Psychiaterjargon und das ja ganz „normal“ ist. Was alles normal ist! [Fügen Sie hier ihre persönlichen Nebenwirkungen ein.]

Ich bin jetzt an einem Punkt, an dem ich erkenne, dass ich gewachsen bin. Und das nach Krisen die ich aus den „normalsten“ Gründen hatte. Ich kann es auch nicht ausschließen, dass mir „das“ wieder passiert. Aber dann ist es halt so und es wird weiter gehen. Die Angst, die mir vom Arzt über die Putzfrau alle in der Klinik eingeimpft haben, die hab ich ausgeschwitzt. Und wenn andere mich vielleicht in Zukunft oder gerade als manisch beschreiben würden, ich sage, ich bin „im Fluss“. Das ist ein unbeschreibliches Gefühl der Verknüpfung und des Durchdringens des Seins an sich. Ich erkenne dann so viele Zusammenhänge und fühle mich verbunden mit Allem. Was mich stürzen lässt, ist der Wasserfall der Erkenntnis, dass ich allein nichts ausrichten kann. Und was mich aufprallen lässt ist der See der Gleichgültigkeit tief darunter. Meine Mitmenschen haben sich eingerichtet und alles und alle, die gegen die Norm verstoßen und vielleicht andere aufrütteln könnten, werden so schnell wie möglich wieder auf Linie gebracht.

So sehe ich nicht die Psychose, die Neurose, die Depression oder die Manie als das Problem, das sind doch wirklich nur Symptome, oder? Das Problem ist die Trägheit der Gesellschaft. „Psychisch Kranke“ sind vielleicht wie Kanarienvögel in einem Bergwerk. Sie merken zuerst, wenn die Luft dünn wird. Sie sacken zuerst zusammen. Diese Zeichen nicht anzuerkennen und „einfach so weiterzumachen“ ist der Todesstoß für unsere Weltgemeinschaft. Die Leute sind nicht aus Spaß auf der Straße und das gibt mir ja auch Hoffnung, dass so viele Leute sich auflehnen, hinterfragen und protestieren. Aber was, wenn das System kippt? Was wenn wir den „Tipping Point“ hinter uns lassen?

Greta Thunberg sagt es, wie es ist: Dies ist eine Krise und dementsprechend müssen wir handeln. Ich hatte schon mehrere Krisen, ich weiß, dass es nicht das Ende der Welt ist, wenn ich nur schnell genug handle und das Handeln besteht darin mich und meine Situation zu verändern: mein Verhaltensmuster, meine Denkmuster, meinen Umgang mit meiner Umgebung zu hinterfragen und sie meinen Bedürfnissen entsprechend anzupassen. Das können wir auch im Großen: Annehmen, dass da ein Problem existiert, um Hilfe bitten und diese Hilfe auch annehmen. Die Lösungen für die großen Probleme gibt es oft bereits oder sie werden halt gemeinschaftlich geschaffen. Die Blockaden sind es die erkannt und überwunden werden müssen in welcher Form sie auch immer auftreten.
Wachstum nennt sich das sicher, vielleicht auch kulturelle Evolution. Wir haben alles was wir brauchen, unseren Kopf, unser Herz unser Bauchgefühl und ein Netz, dass sich über die Welt spannt und uns alle verbindet.

JB-02-2019

Flimmerland

Bin ich entstanden
Durch Raumgefühl?
Bleiben war mir zu viel
Das Licht ohne Konstanz
See aus Leere vor meinen Füßen
Wer will mich da begrüßen?
In dieser Blase aus Ego
War doch schon immer so
Allein im All
Umkreist der Schall den Fall
Wenn Hütten dann Paläste werden
Wird Hochmut abfärben?
Das Alte Lied
Wie ging es noch?
Den Plan geschmiedet
Und verraten
Die heeren Ziele
Die heiligen Taten
Flimmern wiederholt
Auf Flachbildschirmen
Ich zahl die Raten
Und Narziss johlt

JB-12-2018

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Panzerglas

Grad bin ich so einsam, dass ich schreiben muss.
Bilder aus Glascherben im Kopf.
Die Sehnsucht nach Grenzenlosigkeit ist es, die mich einschließt, die mich umfängt mit Vampirzähnen.
Niemand fühlt so tief, wie das unsichtbare Kind, fühlt Verlassenheit in den Armen eines Anderen.
Mein Auge und mein Herz aus Glas und du schlägst darauf ein Welt, Ordnung.
Du schlägst darauf ein – täglich, stündlich.
Doch auch Scherben sind Waffen, nicht gegen mich selbst. Nie mehr gegen mich selbst.
So wahr ich fühle, wie ich fast zerberste.
Und mein Herz, es schlägt.
Und mein Auge, es sieht.

Panzerglas

JB-12-2018

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Essay aus dem All

In vier Bibliotheken bin ich in Leipzig angemeldet: der Stadtbibliothek, der der feministischen Bibliothek Mona Liesa, der Hochschulbibliothek der HTWK und der Umweltbibliothek des Ökolöwen. All das Wissen, zu dem ich Zugang habe, überwältigt mich sehr oft. Da denke ich noch nicht mal ans Internet, obwohl ich auch zum Thema Internet schon viel gelesen habe und noch mehr Bücher darüber bei mir im Schrank liegen – ungelesen.

Meine neueste Errungenschaft, ist ein Buch mit dem Titel Wild Wild Web. Ich habe das in einem tollen Buchladen auf der Feinkost erstanden. Da geh ich nie raus, ohne ein Buch gekauft zu haben.

Und ich musste es einfach kaufen, da … ja, warum eigentlich, wenn ich doch einen riesigen Stapel ungelesener Bücher daheim liegen haben, egal ob nun gekauft oder in einer der Bibliotheken ausgeliehen?

Ich möchte mich informieren, ich möchte auf dem neuesten Stand sein, aber auch Themen und Ereignisse durchschauen und hinterfragen können. Die Renaissance hat mich schon immer begeistert, mit ihren umfassend gebildeten Menschen, die auch versuchen aus dem vorherrschenden Weltbild schlau zu werden und darüber hinaus zu schauen: Was ist da noch? Wer sind wir? Wo kommen wir her? Diese Fragen eben, die in unserem heutigen schnelllebigen Alltag oft untergehen, wenn wir uns nicht gerade die Zeit nehmen, sie zu studieren und die trotz Alltag doch oft ins Bewusstsein treten, als wären allein die Fragen der Grund allen Seins. Gern möchte auch ich über den Zeitgeist hinaus denken: „Denken ohne Geländer“, wie Hannah Arendt, das so vortrefflich ausgedrückt hat.
Nur leider ist da diese Flut an Informationen. Vielleicht deswegen all die Bücher in meinem Regal, weil darin Informationen zu einem Thema vorsortiert und aufgearbeitet werden und ich lesen kann, ohne dass ich gleich die Querverweise oder auch nur die Fußnoten beachten müsste. Beim Surfen im Internet ergeht es mir anders: Ein Klick auf einen Link im Text und ich bin schon beim nächsten Thema und speichere mir den vorherigen Artikel fürs spätere Lesen. Wann auch immer das sein wird. Das überfordert mich oft so sehr, dass sich mein Geist in den Urlaub begibt und sich mit weniger aufreibenden Themen beschäftigt.

Dabei recherchiere ich wirklich gern. Vor dem Schreiben meiner Diplomarbeit, in der es auch ums Internet geht, habe ich mir ein halbes Jahr Zeit genommen, um alles zu lesen worauf ich besondere Lust hatte und nichts davon hatte mit Internet zu tun. Vor allem ging es um die Jungsteinzeit. Das zum Thema: „Wo kommen wir her?“ Dabei bin ich auf ein Buch gestoßen, was mein Weltbild ins Wanken gebracht hat. Riane Eisler schreibt in „Kelch und Schwert“ von einer hunderte Jahre währenden Zeit des Friedens und des Wohlstandes im Zweistromland.

Warum das für mich so eindrücklich war? Im Geschichtsunterricht hatte ich in meiner Schulzeit bis dahin gelernt, dass Frieden eine oft kurze Phase zwischen zwei kriegerischen Auseinandersetzungen sei. Ich lernte so zum Beispiel die Daten des Dreißigjährigen Krieges auswendig und wer gegen wen aus welchem Grund kämpfte. So ging das weiter Herrscher folgte auf Herrscher und Umsturz auf Umsturz. Die Botschaft, die bei mir im Unterricht ankam, lautete, sei froh und zufrieden, dass du in einer der seltenen stabilen Phasen aufwächst, das ist eher die Ausnahme. Aber das das nicht immer so war, hatte mir bis zu meiner Recherche niemand vermittelt. Weltfrieden, das klang immer wie ein utopisches Ziel, das in einer unerreichbaren Zukunft zu liegen schien. Vielleicht genau die unerreichbare Zukunft in der ich meinen „Zu Lesen Stapel“ auf Null reduziert hätte. Das das allen nicht nur möglich sondern schon mal Wirklichkeit gewesen ist, das ging nur schwer in meinen Kopf.

Überhaupt bewundere ich Menschen, die sich das für mich Unvorstellbare vorstellen können, so wie zum Beispiel, wie das Universum entstanden ist, was vorher vielleicht war und was passiert, wenn ich einen Schuh in ein Schwarzes Loch werfen. Stephen Hawking war so jemand, Neil de Grasse Tyson ist so jemand und kann unglaublich gut erklären unterstützt von den tollen Bildern in der Dokureihe „Unser Kosmos“. Bei einem Praktikum durfte ich schon einmal dem Vortrag eines Astronomen lauschen und diesen auch gleichzeitig filmisch dokumentieren. Am Ende des Vortrags, ging es darum, wie höhere Dimensionen aussehen könnten und als Bild verwendete er aneinander lehnende Toastscheiben. So was bleibt in meinem Gedächtnis haften, auch ohne Marmelade.

Immer wenn ich mir diesen Vortrag anschaue, macht alles Sinn, und ist den Metaphern sei dank auch anschaulich und einprägsam. Selbst könnte ich das aber nicht so erklären und irgendwann verliere ich auch die Zusammenhänge und mein Wissen über die Metaphysik beschränkt sich wieder auf solche Metaphern oder Schlagworte wie „Spukhafte Verschränkung“, weil das für mich auch so unendlich romantisch klingt. Sogar Jim Jarmusch hat das in seinem Film „Only Lovers Left Alive“ eingebaut. Es geht da in etwa um zwei Teilchen, die räumlich voneinander getrennt werden und aber gleichzeitig ohne sichtbare Verbindung beide gleichzeitig die Ladung ändern, wenn eins der Teilchen einen Impuls dazu erhält. Also ich finde, das klingt romantisch.

So ist das aber mit meiner Vorstellungskraft, sie wird inspiriert von den Ideen und Beweisen von Experten und dann mixe ich mir daraus mein Weltbild und kreiere daraus wiederum Bilder und Texte – Impressionen halt.

Im Studium bezeichnete das der Prof. als uses-and-gratification approach, ein Ansatz, der frei übersetzt aussagt, dass wir uns dass am besten merken, was unseren Vorstellungen, unseren Meinungen und auch unserem Wissensstand am ehesten entspricht und alles gegensätzliche eher vergessen. „Willkommen in der Filterblase!“ Mir kam das damals sehr plausibel vor, darum habe ich es mir wohl bis heute gemerkt.

Was mich an der Metaphysik reizt, ist, dass ich da aufgefordert werde, über meinen Tellerrand zu schauen und auch Fragen vorfinde, auf die es noch keine Antworten gibt, jedenfalls keine, die feststehen. Da ist dann soviel Raum für die eigene Phantasie. Es gibt ja auch diese tollen Bilder, die das All zeigen und die dunkle Materie darin sichtbar machen. Das sieht dann aus wie ein zentrales Nervensystem. Bei solchen Übereinstimmungen bin ich sofort wieder in meinen uses-and-gratification Modus und höre mein spirituelles Selbst sagen: „Wie oben so auch unten.“ Dann ist unsere Erde halt ein Staubkorn unseres Sandstranduniversums. Aber auch wenn ich diese Perspektive einnehme, erkenne ich da Raum und Sinn und auch irgendeine Ordnung und jedes Leben will gelebt sein.

Zum Stichwort Perspektive fällt mir noch der Astronaut Alexander Gerst ein. Auf meinen Streifzügen im Internet, bin ich auf seine Videobotschaft gestoßen, in der er zu seinen noch nicht existierenden Enkelkindern spricht, während er auf die Erde blickt. Ich war davon sehr gerührt, gerade weil er eine Perspektive eingenommen hat, die nur wenige Menschen vor ihm hatten und wer weiß schon wie viele sie nach ihm haben werden. Er ist zu dem Schluss gekommen, dass wir die Erde schützen müssen, da sie einzigartig ist und die Betonung liegt wohl auf dem Wir. Er hat sich außerdem bei seinen Enkeln dafür entschuldigt, dass wir, in meinen Worten gesprochen, gerade soviel Mist bauen. Seine Botschaft war auch so eine Art mündlicher Essay aus dem All. Und wie Greta Thunbergs Appell hat er Eindruck bei mir hinterlassen.

Es wäre so schön, wenn alle Menschen bald zu diesem Schluss kämen, ohne das wir uns alle die Erde erst von oben anschauen müssen. Vielleicht hilft ja der uses-and-gratification-approach dabei. Nicht zuletzt sollte eine grundlegende Fähigkeit des Menschen dabei behilflich sein: die Empathie. Wenn wir schon nicht wissen, was war, bevor es die Zeit und den Raum gab oder auch was danach kommen wird, dann möchten wir uns doch wenigstens hier und jetzt einfühlen können in unser Gegenüber. Damit wäre schon viel getan meiner Meinung nach.

JB-1-2019

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Bausatz fürs Wohlbefinden

Im Sternenzelt wie ausgekühlt,
So sitz‘ ich hier,
Um den Kopf ganz zerwühlt,
Die Erde taumelt im All.
Gletscherschmelze mitgefühlt.

Im Viertel wird geschaut.
Im Haus wird geschlichen.
Im Traum werden riesige Welten erbaut.
Die Wolken sind bald bunt bestrichen,
Die Ungerechten ihres Goldtopfes beraubt.

Verzweiflung fühlt sich anders an,
Privileg erkannt und ins Äußere gehebelt.
Das Leben, wie ich es neu erfinden kann.
Den Regenbogen-Bausatz schon bestellt.
Wozu brauch ich da noch einen Mann?

Vor Müssen und Sollen will ich mich verstecken,
Vor Gram und Mühsal mein Haupt noch bedecken.
All die Leute, die mir ungekannt die Hand entgegenstrecken.
Wer will da nicht die Zuversicht in anderen Seelen wecken?
Will mich und andere Neu entdecken.

Das soll so sein: Verschenken und verdichten
Und geben will ich, um zu schlichten.
Mich selbst aufgeben mitnichten.
Wie die Vögel ihr Nest einrichten,
So kleide ich mein Leben in Geschichten.

JB-01-2019

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Stimmenmeer

Hab so oft erlebt,
wie Menschen in mein Leben treten.
Die Stimme, mit der sie mit mir reden,
Vergesse ich nie,
Ich fange sie ein mit meinen Ohren.

Weiß lang schon nicht mehr den Sinn der Dialoge,
Schwimme jedoch in Gedanken in vertrautem Stimmenklang herum,
Schöpfe aus Gesagtem neuen Sinn, erhalte dadurch wagen Schwung.
Mit viel Vergnügen schaff ich Stimm-Kaleiloskope.

Vertreib mir die Zeit, und kombiniere Möglichkeiten .
Werde nie satt von den erdachten Wahrheiten.
Vergesse vor lauter Fantasie fast auch die Wirklichkeit.
Und Leute sagen, sie ist still so lange Zeit.

Dabei ist in meinem Kopf ein Stimmenmeer.
Gaukelt mir vor, das alles, was ich will, auch wahr wär‘.
Verspricht mir Gutes, veräußert meine Geselligkeit,
Verlangt so oft meine volle Aufmerksamkeit.

Doch dann ein Lächeln und ein tiefer Blick.
Mensch holt mich in den Raum zurück, in dem ich sitze.
Macht vielleicht über Träumerei so manche Witze.
Ich lache mit und steh mit beiden Füßen wieder in der Alltagspfütze.

JB-1-2019

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