Über tief wurzelnde Ideen

Wenn ich ganz bei mir bin, tauche ich ab und vergesse Erdbeben und Krieg, schreibe über Zwischenräume und erschrecke dann, da ich denke, ich könnte von anderen als ignorant wahrgenommen werden. Dabei ist das „Vergessen“ eher umformen. Es ist meine Art mit dem alltäglichen Wahnsinn umzugehen, der uns alle umfließt.

Wenn ich ganz bei mir bin, zeichne ich Zähne und Augen von unzähligen Tieren. Zeichne, als wäre ich alleine auf der Welt und dann lade ich ein Foto davon hoch und hoffe auf Reaktionen. Vielleicht in Form von Likes, vielleicht aber auch einfach in Form eines Gesprächs über die Unmöglichkeit sich abzugrenzen, auch wenn es wirklich nötig wäre. Überall sind da Spitzen, die die Dicke Haut durchstechen und Augen, die durch die Milchglas-Fassade schauen können.

Ist diese Art kreativ zu arbeiten notwendig; so tun, als wäre alles für mich, um es dann doch zu teilen mit mir fremden Menschen?

Es gibt diese Hoffnung im kreativen Schaffensprozess, dass es einen Unterschied machen könnte, für wenigstens eine Person. Dass es Freude bringen könnte, oder Hoffnung oder die erleichternde Tränen, darüber, dass es noch jemanden gibt, der so denkt, fühlt, handelt wie ich selbst.

Was mich angeht; ich bin nicht kompromisslos, ich bin nicht mutig und ich bin nicht schonungslos offen. In dem von mir gesetzten Rahmen bin ich ehrlich und ich selbst. Aber nicht alles, was mir durch den Kopf geistert, werde ich so bald in Texte oder Bilder gießen. Das wann und wie behalte ich mir vor. Gerade, wenn es noch Gespinste sind, die durch das Formen in sich zusammenfallen würden, klebrigen Matsch hinterlassend, wäre es schade um die Idee. Ich muss warten, bis sich das Gerüst festigt, erst dann kann ich die Gedanken weiterentwickeln.

Das, was ich veröffentliche, das habe ich eine Zeit lang hin und her bewegt in meinem Geiste. Das habe ich umwandert, wie einen Marmorblock, in dem etwas schlummert, das ich erst erkennen muss. Und wenn ich anfange, es herauszumeißeln mit Worten oder mit Linien, dann ist da immer noch viel Intuition und Versuchen, aber es ist dann eine Geschichte, die erzählt werden möchte.

Eine Geschichte, die ich selbst nie erlebt habe, vielleicht. Eine Geschichte, die mir erzählt wurde, eine Geschichte von der Liebe, vom Leben, vom Sterben. Alles in allem eine Geschichte, die schon oft erzählt wurde, aber der ich eine Nuance hinzufüge, persönlich und entschlossen. Die Lesenden werden wiederum, etwas damit anfangen können oder auch nicht.

Mir ist es wichtig mich abzuschotten im Prozess des Entstehens, mich verletzlich zu machen, durchlässig. So zu werden, wie ich nie einen Einkauf oder eine Tramfahrt heil überstehen würde. So zu werden, dass es fließt, dass etwas werden kann. Das Wissen, dass ich dieses Etwas teilen kann mit anderen Menschen, dass sie es aufnehmen und vielleicht umwandeln oder auch vergessen, bereichert mein Schreiben. In diesem Raum bin ich nicht allein, es gibt da ein Du, auf das ich mich hinbewege.

Ein Bild: Ein Baum, jede Wurzelfaser: eine Idee. Darüber der Stamm aus allen Kunstwerken, die je geschaffen wurden und noch geschaffen werden. Darüber, die Krone aus Ästen und Zweigen: aus unzähligen Gedanken und unseren daraus folgenden Taten.

Johanna Blau, 21.02.2023

Treppenhaus der HGB 2023 zum Rundgang, purpurner durchsichtiger Stoff hängt in der Mitte von der oberen Treppe

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