Meine Texte sollten Spiegel für mich sein, in die ich gern schaue. In letzter Zeit, hatten meine Spiegel Sprünge oder waren teilweise blind. Was mich angeht, hat etwas Wichtiges gefehlt. Bin ich ehrlich zu mir und in dem, was ich schreibe? Nicht mehr wirklich, war ich es je? Ja, soweit ich mir Dinge bewusst gemacht habe, und diese auch zum Anlass genommen habe, zu schreiben, war ich ehrlich. Aber nun vermeide ich ein Thema, was mir gerade essenziell wichtig ist: Einen Teil meiner Identität. Ich bin in Vielem uneins mit mir; was ich weiß, ist: Ich bin bi.
Gerade lese ich, wie vielleicht viele andere auch Julia Shaws Buch „Bi“ und bin erstaunt, entsetzt aber auch oft glücklich über die Fakten, die dieses Buch bereithält. Das Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gruppe ging mir meist ab. Egal ob Musikstil oder Hobby oder auch sexuelle Orientierung, ich fühlte mich nie, als würde ich genau passen, als wäre ich irgendwo zu Hause oder auch willkommen. Natürlich habe ich Orte, an denen ich mich wohlfühle, aber so richtig zu Hause fühle ich mich unter anderen Leuten nur sehr selten. Das hat mit Grübeln zu tun und mit Unsicherheiten, vielleicht auch einfach damit, dass ich mir selbst gegenüber lange nicht ehrlich war.
Vor ein paar Jahren habe ich mit Freund*innen darüber gesprochen, dass ich mich in Menschen verliebe, nicht in Körper. In einer Facebook Gruppe postete ich einmal „Pan und demi in der Pandemie.“ Das sind alles Schlagworte, die tiefer führen zu Sätzen, die für mich noch nicht ansatzweise alle mit Ausrufezeichen oder Punkt enden. Da gibt es viele Fragezeichen. Wie gestaltet sich eine Partnerschaft, in der ich mich wohlfühle? Mit wem kann ich mich gut austauschen über Unsicherheiten und Fragen? Wo kann ich am besten Feiern und mit wem?
Der Käfig, in den ich mich lange selbst gesperrt habe, steht offen und ich habe Bedenken, ihn zu verlassen. Ein Schritt in diese Richtung, ist dieser Text. Ich schreibe ihn, nach einem Stimmungstief oder noch in einem Tief. Ich bin erkältet, und ich gerade wieder klar genug im Denken, dass ich Sätze formulieren kann.
Ich will mich feiern, wie ich bin. Ich will tanzen und lieben und froh sein. Ich habe ein Recht darauf, wie alle anderen. Es bricht mir, dass Herz, wenn Menschen dafür verfolgt werden, dass sie lieben. Wir alle wünschen uns Liebe in unserem Leben. Den Weg der Angst und des Hasses zu gehen, um da hinzugelangen, ist absurd und für so viele Menschen tödlich.
Gerade habe ich das Gefühl mich zu weit aus dem Fenster zu lehnen. Wer bin ich, dass ich für andere sprechen kann. Aber ich will zu einem Gegenüber sprechen. Zu dir. Zu Ihnen. Zu euch. Das hat sich geändert. Darum wohl auch dieser Text. Wenn ich frei sein will, muss ich mich befreien vom Tabu, von der Selbststigmatisierung, von allen Blicken, die mich zurück in den Schrank schicken wollen.
Ich habe Vorbilder und ich werde weiterlesen, mich inspirieren lassen, sei es vom Blutbuch oder durch Essays von Ursula K. Le Guin, Toni Morrison, Margret Atwood, bell hooks, und so vielen weiteren. Diese schmerzlich schöne Reise beginne ich hier: Sitzend an meinem Schreibgerät mit einem verschmitztem Lächeln im Gesicht.
Ich bin, wer ich bin; wer bin ich? In diesem Leben gibt es so viel noch zu entdecken, manche Türen stehen speerangelweit offen, andere warten darauf, herzlich eingetreten zu werden. Lasst uns das zusammen tun, lasst uns feiern und kämpfen, bis alle, aber auch alle Türen Allen offenstehen.
Johanna Blau, 7.11.2022

