Reisende 2

Der Schein der Kerze trügt
Mein Herz hat sich bewegt
Es wächst von Zeit zu Zeit
Öffnet sich, wenn die Seelen zu mir sprechen
Eines Menschen, eines Tieres, einer Pflanze
Dieser Weg auf der Weltenschneide
Geschmiedet in meine Gene
Wir alle wie wir hören und sehen
Träumen und denken
Fühlen und erleben
Sind doch Wahrnehmung
Gespielte Wesen
Gespiegelte Welt
Andacht durch Verhinderung
Ein Spiel am Tisch des Schicksals
Die Welt ist flach gedacht
Doch wir sind viele
Die träumen von Wurmlöchern
Und Freunden da draußen

JB-12-2017

Ringkampf

Ringkampf

Wer klein ist, will ganz hoch hinaus,
Wer ne Wohnung hat, will doch ein Haus.
Die Schatten tanzen in deinem Gesicht,
Wenn der Herr über seine Erfolge spricht.

Lass einfach das Geld für dich sprechen,
Dann werden fremde Knochen brechen.
Neid und Missgunst wegen Ungleichheit,
Hass und Morde erzeugen Generationenleid.

Die Menschen fühlen sich allein,
Lassen sich auf Süchte ein.
Kinder, die ausreißen,
Alte, die verweisen.

Die Welt ein Ringkampf,
Jedes Wollen ein Krampf.
Jeder Tag ein neuer Sieg,
Wenn nur ein anderer am Boden liegt.

So manche erwachen aus dem Lebensrauschen.
Wollen wieder den Vögeln lauschen.
Wollen begreifen und erfahren.
Die Menschheit vor weiterem Leid bewahren.

Tanzen in andere Zeiten,
Erringen von Möglichkeiten.
Auf andere Menschen achten,
Die Macht entmachten.

Der Staat ist nicht mehr Diktatur,
Da ist nur noch Erde ohne Richtschnur.
Auf dem Markt treiben sie wieder Handel.
Welt befindet sich im Wandel.

Und willst du das Fremde umarmen,
Dich einem angstvollen Blick erbarmen.
Dann öffnen sich weite Räume.
Für alle die besten Träume.

JB-11-2017

Das Leben eines Tagebuchs

Das Leben eines Tagebuchs

An meinem ersten Tagebuch ist ein Schloss gewesen. Den kleinen Schlüssel habe ich in einer Geldkassette aufbewahrt, deren Schlüssel aufzufinden wiederum nur ich fähig war, denn er verbarg sich in einer zugemüllten Schublade. Ich habe diesem Tagebuch viel anvertraut. Meinen aktuellen Schwarm, meine Ängste und Hoffnungen, meine alltäglichen Sorgen.

Auf die Innere Klappe habe ich am 9.07.1997 Folgendes geschrieben: „In diesem Tagebuch steht einiges was ich nicht wirklich so meine und daß mir in dem Augenblick als ich es schrieb wirklich cool vorgekommen ist. Es ist wirklich schwierig, das zu schreiben, was man denkt, wirklich denkt, wenn man im Unterbewußtsein immer daran denken muß, dass es ja irgendwann doch einmal jemand zu lesen bekommen kann. Also wenn das passiert, dann bekommt keinen Schreck, das meiste ist doch nur Rumgelabre.“

Damals war ich 15 und ich hatte mich immer mal hingesetzt und mein „Rumgelabre“ wieder durchgelesen und ich hatte mich schon damals immer wieder gewundert, wie selbstverständlich, die Tagebücher berühmter Schriftsteller von Nachlassverwaltern veröffentlicht wurden. Das kam für mich dem Veröffentlichen von niemals ausgesprochenen Gedanken gleich. Jetzt könnte das Argument kommen: „Aber warum hat er/sie es denn dann aufgeschrieben?“ Meine Antwort darauf: Um Gedanken zu sortieren, um sich an Geschehenes zu erinnern, um daraus zu schöpfen für den Lebensweg und als Orientierung: Wo komme ich her, wo stehe ich jetzt, wo gehe ich hin?

Niemals würde ich wollen, dass Menschen, die ich nicht kenne, und auch Leute, die ich kenne diese Hilfestellungen lesen. Einmal hat mein Ex-Freund in meinen Tagebuchkalender gelesen und eine Bemerkung von mir über jemanden, den er kannte fand er sehr lustig und hat mir davon erzählt. Ich bin aus allen Wolken gefallen, wie er es wagen kann, dieses Buch zu öffnen. Er meinte, er sei sich keiner Schuld bewusst gewesen, ich hätte es ja auf dem Tisch liegen lassen. Daraufhin, sagte, ich ihm, ich wäre davon ausgegangen, dass ein das ein unantastbares Heiligtum sei, egal wo es läge und ich würde es als Vertrauensbruch auffassen, mein Tagebuch zu lesen. Er entschuldigte sich aufrichtig.

Ich habe mich schon damals mit 15 mit dem Sachverhalt, dass Tagebücher veröffentlicht werden auseinandergesetzt und nun schreibe ich Gedichte, die ich ins Internet stelle. Lese die Blogs von anderen Leuten und überlege mir, wie viel ich von meiner Biografie preisgeben kann und will. Für wen schreibe ich? Vor allem für mich. Warum veröffentliche es dann? Gute Frage! Ich veröffentliche, damit es gelesen wird, damit es helfen kann, damit sich andere durch Worte fremder Menschen verstanden fühlen und nicht mehr so allein.

Es gibt dabei große Unterschiede zwischen dem was ich meinem Tagebuch anvertraue und dem, was ich beabsichtige zu veröffentlichen:

Die Form wäre da zunächst: Wenn ich Tagebuch schreibe, ist da nicht viel mit Synonymen, der zeitliche Ablauf wird durch die häufige Nutzung des Wortes „dann“ strukturiert. Einmal hatte ich den Gedanken, dass doch alles eher in Briefform zu gießen aber den habe ich schnell wieder verworfen, denn ich möchte mein Tagebuch für nicht gebetene Leser so langweilig und ausdruckslos wie möglich halten. Als Strafe vielleicht, als letzten Fluch der Schreiberin.

Dann ist da der Inhalt: Ich zensiere in Lyrik, wie in Prosa. Ich werde hier keine Namen nennen, wenn sich jemand erkennt oder sich an jemanden erinnert fühlt, dann so vage, dass niemand mich verklagen kann. Ich verhülle nicht meine Gefühle aber meine Person. Ich gebe mir ein Pseudonym und fühle mich dadurch bereit und befreit zu schreiben, was ich der Welt hinterlassen will.

Das was ich in Form gieße, gebe ich gern nach außen. Vielleicht wird das klarer mit folgendem Text, den ich vor kurzem geschrieben habe:

„Mit Sinnen erfahre ich.

In meinem Kopf sammle ich diese Erfahrungen als Erinnerungen ein.

Ich stelle mir vor sie als Fäden auf Spulen aufzurollen.

Dann nehme ich ein paar dieser Spulen und webe damit Stoffe.

Diese Stoffe sind mal einfarbig, mal gemustert, mal bunt. Je nach Tag, Laune und Zeit.

Wenn ich ein paar beisammen habe, webe ich mir daraus ein Kleid.“

Die Stoffe bleiben im Schrank. Die Kleider bin ich gern bereit zu geben.

Anne Franks Tagebuch ist ein so wichtiges Zeugnis der Geschichte. Franz Kafka, Terry Pratchett und viele andere berühmte Künstler_innen und auch Persönlichkeiten, je mehr ich über das Tagebuch schreiben schreibe, desto mehr interessiert mich, was andere davon hielten, Unveröffentlichtes, Unfertiges, Privates postmortem veröffentlicht zu wissen. Ob nun verbrannt oder gewalzt, was wäre und was ist uns entgangen? Ich schreibe von uns, denn ich bin Leserin und auch sehr neugierig. Ich interessiere mich für die Biografie eine_r Künstler_in. Da komme ich zur Frage, was ich über mich veröffentlichen möchte, was nicht in Form gegossen ist?

Ich habe Biografisches schon aufgeschrieben aber nur für bestimmte Leute und es gibt Tatsachen von denen ich mich nicht in ein Korsett drängen lassen will. Andererseits ist Kreativität oftmals auf der Schwelle zum verrückt sein angesiedelt, das scheint nichts erschreckend neues oder ungewöhnliches zu sein. Was wiederum mich beruhigt und befähigt weiter zu tippen.

Ich schreibe oftmals wie in Trance und prüfe erst später, ob es sich stimmig anfühlt, was ich da getippt habe. Wenn das der Fall ist, dann veröffentliche ich es auf auf meinen Blogs, auf verschiedenen Plattformen und als größte Herausforderung für mich auf Facebook. Ich teile mich in diesem Netz der Aufmerksamkeiten, ich bin die, die Ihre Diplomarbeit unter ihrem Geburtsnamen online stellt. Ich bin aber auch die, die als Johanna Blau Gedichte über Wir-Gefühl, über die Angst vor dem Wahn, über Hoffnung und Heilung durch Schreiben schreibt.

Verschmolzen sind diese Identitäten in einem Gedicht veröffentlicht von Kirsten Becken in dem wundervollen Kunstbuch „Seeing Her Ghosts“ unter meinem eigenen Namen. Das Gedicht heißt Zunder und es ist das erste, was in einem Buch von mir erschienen ist. Aber eben losgelöst von den anderen Gedichten, die ich unter dem Namen Johanna Blau veröffentlicht habe.

Wenn Freude und Leid aufeinander treffen in einer Person, zusammen mit Ideen von Verbindungen unter Menschen, die es ihnen unmöglich machen noch einander zu hassen, dann zeigt sich ein wandelbares Selbst der unerträglich schönen Welt. Wenn Leben und Kunst aufeinander treffen, dann frage ich mich, wie es weitergeht und immer wieder wer ich bin. Und so soll es sein.

Zunder

Ein Kleid genäht aus Zunder
Und wieder geh ich unter.
Schuhe gemacht aus Leid,
Langsam vergeht die Zeit.

Tanze zu Herzenstönen.
Will wieder dem Leben frönen.
Will wieder mit Lachen im Blick,
Weben an meinem Geschick.

Jana Burmeister

Treibgut

Treibgut

Symptome abgeschaltet,
Seele verwaltet.
Worte schallen,
Sie verhallen.
Akten sichten,
Köpfe ausrichten.
Warten und sich quälen,
In stummen Sälen.
Voller Diagnosen.

Das bedeutet Krank,
Öffnet den Medizinschrank.
Helfen müssen,
Mit festgeschriebenen Schlüssen.
Doch da ist kein Leid,
Der Raum wird weit.
Das nächste Kleid,
Hexenmaid.
Flieht vor dieser Welt.

Warum der Schimmer der Gedanken,
Mir hilft nicht mehr zu wanken?
Warum mein Herz sich weitet,
Keinen Kummer mehr verbreitet?
Warum mein Geist mir Worte sagt,
Nicht mehr das schwere Los beklagt,
Sich auf neue Wege wagt,
Schwierige Fragen fragt?
Zuversicht

Verstand, Körper und Seele,
damit ich nichts verfehle,
wenn ich dies Bild wähle:
Segel, Boot und Wasser,
Die Umnachtung macht das blasser.
Was davon leitet mich?
Was umkleidet mich?
Was beschreibt mich?
Was davon kann brechen?

Ein Los ist da es einzusetzen,
Was hilft es sich den Wendungen zu widersetzen?
Mein Segel will Wind,
Tanzt wie ein Kind.
Mein Boot will Wellen,
Begreift die Stromschnellen.
Der Wasserfall,
Bedeutet Zerfall.
Ich bin Treibgut.

JB-11-2017

Dazwischen

Dazwischen

Die Stimme einer Göttin,
Versucht mich zu wecken.
Will mich davor verstecken,
Seh‘ darin keinen Sinn.

Diese Welt ist doch so wage,
Die Menschen so nüchtern.
Wie wir uns in Süchte flüchten,
Wie ich an meinem Selbst schwer trage.

Keine Magie gefunden,
Nicht in Liebe noch in Vergebung.
Der Nichtigkeit Ehrung.
An Logik mein Leben gebunden.

Da bricht es hervor,
Das Gefühl, da ist mehr.
Die Einsicht so schwer,
Ein noch geschlossenes Tor.

Da ruft sie wieder,
Tanzt auf den Hügeln.
„Sollst dich nicht fügen,
Schreib auf meine Lieder!“

Auf dem Grat zu wandeln,
Balance zu finden zwischen Welten.
Wie sonst meine Sinne mich schelten,
Das Dazwischen lässt mich handeln.

JB-10-2017

Blätter rascheln

Blätter rascheln

Blätter rascheln draußen und auf dem Tisch vor mir.

Ich schreibe einen Namen auf, fühle Pappellaub in meinem Inneren.

Will mich erinnern und daran glauben, dass der Baum unserer Freundschaft bald weiter wächst – gegossen von Worten.

Ich hoffe, der Herbst färbt unsere Beziehung bunt wie das Laub.

Ich fürchte, der Winter lässt sie in Schlaf fallen.

Aber wie die Blätter den Baum nähren, daran erinnere ich mich.

Eine Freundschaft kann sich wandeln wie Blätter in den Jahreszeiten.

Es wird wieder Frühling sein.
Ich esse das junge Grün und seine Kraft geht auf mich über.

Von Sonne durch schienen unser Beieinander sein, wenn alles von Neuem beginnt.

JB-09-2017

Begegnungen

Begegnungen

Augenblicke setzen sich fort auf Spaziergängen.
Ich laufe durch Straßen und die Leute begegnen mir. Ihre Augen begegnen mir. Ich male mir Charaktere aus. Es gibt Leute mit bunten Haaren, Leute mit Brille, Leute in Arbeitskleidung.
Wie sehen sie mich? Wie sehe ich sie?
Ich begegne mir in diesen Augenblicken.
Weiß, dass ich nicht viel von mir verraten will. Weiß, dass ich Menschen, so sehr mag, dass ich mich manchmal vor ihnen verstecke.
Und trotzdem: Ich begegne ihrem Blick, male mir Geschichten aus.
Bin neugierig und interessiert.
Und ich weiß, dass niemand mich wirklich erkennen kann, bevor wir nicht auch Worte getauscht haben.
Blicke tauschen weckt Neugier, Sympathie und Interesse auf alles, was hinter den Augen vorgeht.
Kennenlernen ist doch aber nur möglich im Gespräch.
Ich möchte Worte wechseln um meine Augen zu sättigen.

JB-09-2017