Fotosafari – Kurzgeschichte

Die Fotosafari

Durch eine Linse betrachte ich dich, mit einem Knopfdruck mache ich mir ein Bild von dir. Dabei verlierst du weder deine Seele noch dein Leben. Du bist ein Schmetterling und sitzt auf einem Brombeerblatt. Was siehst du Schmetterling mit deinen Facettenaugen? Was kannst du erinnern? Ich komme dir so nah wie möglich, ohne dass du den Drang verspürst davon zu fliegen. Ich will dich nicht festhalten, nur den Moment. Und ich frage mich: Klammerst du dich an diese Blattoberfläche oder erscheint es mir nur so, da ich mich gerade an jemanden klammere?

Wir sind auf einen Hügel gestiegen, mein bester Freund und ich. Er fast immer einen halben Schritt vor mir die asphaltierte Straße hinauf, die sich um diesen künstlich aufgeschütteten Hügel windet. Der Hügel ist bewachsen von Eichen, Ahornbäumen und Buchen die so alt zu sein scheinen, dabei ist der Hügel erst nach dem zweiten Weltkrieg aus dem Schutt der Stadt Leipzig zusammen getragen worden. Überall ragen noch Reste von Mauerstücken aus der dunklen Erde.

Am Fuße des Hügels sind die Bäume umrankt von lianenähnlichen Schlingen. Wir fühlen uns wie im Urwald, dabei ist der Auenwald noch ein Stück entfernt, der wahre Urwald von Leipzig. Auch der Beginn unserer Freundschaft erscheint mir als ein so unglaublich weit entfernter Ort in der Vergangenheit. Es ist nun auch schon wieder 17 Jahre her. Damals in dieser Kleinstadt, in der sich ein paar Jugendliche zusammengefunden haben, die nicht auf Dreierschritt Disko standen, sondern auf die sogenannte Subkultur, die einfach nicht mit dem Strom schwimmen wollten und sich Gedanken darüber machten, warum es Grenzen geben muss und warum diese dann verteidigt werden müssen.

Als wir um den Hügel laufen, denken ich an die Geschichte der Stadt, und an die Geschichte des Landes, in dem ich zufällig geboren und aufgewachsen bin. Es erschüttert mich, denn es ist eine Geschichte aus Krieg, Feindseligkeit und Missgunst. Wie anders ist da die Beziehung gewesen, die aus unserer Freundschaft entstanden ist. Wir haben auf ein Fundament aufgebaut und das Haus geschmückt mit wilden Ranken. Aber es entstanden, wie in jeder Partnerschaft auch Missverständnisse, nicht zu erfüllende Ansprüche und oft haben wir uns auch zu sehr bei uns selbst ausgeruht.

Wir laufen weiter den Hügel hinauf um die letzte Biegung. Kommen an auf einem Plateau das mit Wiese bedeckt ist und umsäumt von einem Kranz aus Bäumen. Es gibt Sichtachsen, die die Skyline von Leipzig freigeben. Da ist das Rathaus mit seinem Turm, da ist der Weisheitszahn, der immer noch gern „Uniriese“ genannt wird. Ich halte den Augenblick fest mit meiner handlichen Digitalkamera. Die Stadt umrahmt vom frischen grünen Blattwerk. Ein Heißluftballon schwebt darüber. Auf dem Hügel flitzen Hunde über die Wiese einem Stock hinterher. Ein paar Leute sitzen auf einer Decke und genießen den Blick auf die Stadt.

So habe ich damals auch den Leipziger Süden kennengelernt. Mit seinen Altbauten und den Brachen dazwischen, den Menschen, die geschäftig und gesellig in den Straßen laufen, radeln und sitzen; die die noch vorhandenen Lücken mit Leben füllen. Damals mit ihm zusammen und glücklich bis auf ein paar Schutthaufen, die sich schon angesammelt hatten. Die Frage keimt in mir auf, warum Enttäuschungen schwerer wiegen als Liebesbeweise? Vielleicht, weil bei ersterem unfruchtbares wüstes Land zurückbleibt, das nicht mehr mit Pflanzen überwuchert wird, sondern da gerade dieser Schutt heraus schaut. Insbesondere, wenn man die Probleme nicht benennt und klein meißelt mit Aussprachen, so wie es in einer Partnerschaft doch eigentlich gut und richtig wäre. Soweit waren wir aber noch nicht und die Stadt tat ihr übriges uns einander fremd zu machen.

Der Schmetterling fliegt mir vor die Linse, erst bunt fluoreszierend mit aufgeklappten Flügeln, dann verschmilzt er mit dem dunklen Hintergrund. Unscheinbar, so habe ich mich auch immer gefühlt und ich wollte gesehen werden und ich wollte mich entwickeln, weiter gehen, war auf der Suche, immer getrieben nach dem nächsten fremden Augenpaar, der nächsten Iris in der ich mich spiegelte und die in einem Kopf ein Bild von mir festhielt. So viele interessante Lebensentwürfe, ein Versprechen von Freiheit und Selbstentfaltung lag in der Luft und ich öffnete meine Flügel, mit denen ich lange, lange Zeit zusammengeklappt auf einem Blatt mit dem Hintergrund verschmolzen war. Ich betrachtete mich durch die Augen der anderen und entdeckte mich neu. Als wenn mein Bewusstsein ein neues Zimmer gebaut hätte, vielleicht sogar ein neues Haus für mein Selbst.

Dieses Bild von dem Schmetterling, der als Raupe lebt und nie etwas anderes gekannt hat, bis er sich dann verpuppt und mit Flügeln aufwacht und ohne einen Moment zu zögern los fliegt, sich auf Blüten niederlässt, dort trinkt und weiter fliegt. So habe ich mich in der Stadt entpuppt und bin durch die Straßen geflogen, von Musik berauscht, von Menschen berauscht, von der Nacht berauscht. Ein Nachtfalter, geleitet vom Mond. Und auch die Beziehung zu meinem Freund hatte sich gewandelt. Wir sind nicht dauerhaft zusammen gezogen. Statt dessen habe ich mir eine Wohngemeinschaft gesucht, mich neu eingerichtet und mein inneres Zimmer in die äußere Welt platziert. Ich habe angefangen Gedichte zu schreiben beflügelt von einer Muse. Gefühle des Ankommens und des Abschieds begleiteten mich auf Schritt und Tritt.

Ich zeige meinem besten Freund das Foto des Schmetterlings auf dem Display und er sagt: „Wow, gut erwischt.“ Ich lache herzlich. Er schaut mich an wie er mich immer anschaut, offen und freundlich, bis auf den Zeitraum in der ich mich von ihm löste und er mir nach unserer Trennung vorwarf: „Du hast mir einen Dolch ins Herz gestoßen, ich wollte mit dir alt werden.“ Ich war damals so zerrissen, zwischen dem was war und dem was ich mir ausmalte, was mein Leben sein könnte. Ich war getrieben von dem Gedanken, dass andere mich besser verstehen, dass da jemand ist der mehr zu mir gehört. Ein Versprechen der unbekannten Zukunft schwebte im Raum. Ich war ungerecht meinem Partner gegenüber und mein Gefühl hat sich aufgemacht diese neue Räume zu entdecken, raus aus dem Schutt der Worte, die in meinem Kopf schwirrten und ihn schlecht machten und seine Vorzüge in den Dreck zogen.

„Leipzig ist passiert.“, so sage ich mir aber ist nicht eher eine Metamorphose in mir ausgelöst worden? Oder ist mein Ich einfach gewachsen durch den erweiterten Raum außen und innen, durch die Sinneseindrücke und Begegnungen, durch die neuen Möglichkeiten? Ich fotografiere, um die Erinnerungen in meinem Kopf mit der sogenannten objektiven Wirklichkeit abzugleichen. Dabei bestimme ich doch den Bildausschnitt, die Tiefenschärfe, die Helligkeit, sogar die Farbe, in der das Bild von der Kamera festgehalten wird. Dann schaue ich mir die Fotos auf meinem Computer an und erinnere mich, wie es war, sie zu machen, erinnere mich auch an den Moment und auch an was ich dabei gedacht habe, an das Gefühl, der Warmherzigkeit unter Freunden, an das Gefühl der Neugier unter mir noch fremden Leuten. Immer habe ich den Wunsch mich zu erinnern und daran zu wachsen. Wie ich auch an der Freundschaft mit diesem Menschen wachse, dem ich weh getan habe und der mir verziehen hat und jetzt Seite an Seite mit mir auf diesem Hügel aus Schutt steht und die Aussicht auf die Stadt genießt. Mit all unseren Wünschen, Vorstellungen und Träumen angereichert ist unser Bild dieses Ortes und was die Zukunft bringt ist nicht Schicksal sondern Entscheidung.

Johanna Blau 4.6.2018

 

Zukunft 2

Statt Träumen, lernen sie gehorchen.
Der Pflug zieht tiefe Grabesfurchen.
Statt zu zu hören, lernen sie zu streiten.
Wie sie Trauer und Wahnsinn verbreiten.
Statt teilen, lernen sie: Uns soll alles gehören!
Sie bauen nichts auf, wenn sie Fremdes zerstören.
Statt denken, lernen sie zu nachzubeten,
Sie buckeln nach oben, wenn sie nach unten treten.

Da macht dann Neues Panik,
Für sie ist Vernunft ein Trick.
Die Angst sitzt ihnen im Nacken,
Wenn sie Lüge mit Lüge verpacken.
Für sie heißt jeder Tellerrand „Gefahr“,
Rechts macht sich Courage rar.
Und der Hass blüht grau in den Köpfen,
Den zu viele als Wert abschöpfen.
Der Horizont ist ihnen zu bunt mit Regenbogen,
Sie sind irgendwann falsch abgebogen.

Untergang überall, wenn es so bliebe.
Doch Menschen feiern auch Unterschiede.
Habt ihr den Hut auf, setzt ihn ab.
Seht nicht auf andere herab.
Sagt eure Meinung ohne Blatt vorm Mund,
Wie Kinder tut die Wahrheit kund.
Wir wollen für Liebe und Freiheit einstehen lernen,
Uns nicht mehr um die eigene Furcht scheren.
Nationen sind Schatten unserer scheinbaren Teilung.
Grenzen sprengen bedeutet einfach Heilung.
Kein Staat ist so wichtig, dafür zu hetzen, zu verletzen und zu morden.
Die Welt sei ein Garten für die liebenden Horden.
Ein Netz aus Hoffnung spannt sich um die Welt,
Wo keine Herkunft mehr zählt.
Kontrolle und Macht sind Werkzeuge der Angst.
Niemand muss herrschen, wenn die Menschheit tanzt.

JB-05-2018

Nach der Dokumentation „Wildes Herz“ https://vimeo.com/242564652

Achsen

Laut ist nichts an dieser Stimme
Die ich ehrlich gewinne
Kein Körper sich abzugrenzen
Keine Stunde zu schwänzen
In mir um mich
Kein Dunkel, kein Licht
Bei mir in allen Angelegenheiten
Will mit ihr lachen und streiten
Der Turm gefallen
Die Nebel wallen
Und die Wächter schreiten
Zu neuen Taten
Kann es kaum erwarten
Das Leben neu zu träumen
Im Garten mit dem Spaten
Aufzuräumen
Die Schmetterlinge tanzen
Auf den heiligen Pflanzen
Legen sie den Segen
Mir ist vergeben
Ich schau zu beim Wachsen
Ich wässre und hege
Und wie ich dazu mich bewege
Gedeihen auch meine Achsen

JB-05-2018

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Über die kleine Meerjungfrau

Die Geschichte der kleinen Meerjungfrau hat mich als Kind gepackt. Diese Seele, die das Gewohnte aufgibt, um sich der Liebe und dem Fremden hinzugeben. Es ist für mich nicht die Opferbereitschaft gewesen, die mich angesprochen hat – eher ihre Verwandlung und ihre Reise: Von Schwanzflosse zu schmerzenden Füßen, die sie nicht tragen wollen, in eine Welt, die ihr unbekannt ist, die sie jedoch anzieht.

Die kleine Meerjungfrau kennt die Welt über dem Meeresspiegel nur durch dass, was ihre Bewohner in der See verloren haben. Schiffswracks säumen den Meeresboden, Verlorenes wird durch das Mädchen neu entdeckt und sie reimt sich die irdische Welt vielleicht zusammen, wie wir, wenn wir ein Museum besuchen, Scherben in unserer Vorstellung zusammensetzen und die Grabbeigaben einer Priesterin bewundern.

Dann ist da ein Mensch, der von ihr gerettet und in seine Welt zurückgebracht wird. Was geht in ihr vor? Sie hat ihn gefunden und wieder verloren, weil er sonst sein Leben verloren hätte. Nun will sie ihm folgen, denn nichts ist ihr in ihrer Welt so vertraut wie sein Antlitz. Sie schließt einen Pakt mit der Seehexe, die ihr die Stimme raubt und ihr dafür den Gang an Land ermöglicht. Und dort taumelt sie nun umher, wie ein Schiff in sturmgepeitschter See. Der, den sie gerettet hat, erkennt sie nicht, wird getäuscht. Am Ende treibt sie als Meerschaum auf der Wasseroberfläche, weil sie es nicht schafft, sein Glück, ihn, zu zerstören.

Ist dies die Geschichte eines Opfertodes oder der Liebe, die am Gegenüber verzweifelt? Die Vorstellungen, die wir uns vom Geliebten machen beginnen mit Eindrücken, Gesten, Berührungen vielleicht. Erinnerungen, die im Museum unseres Geistes landen und dort bewahrt werden, bis dann der Ersehnte sich herablässt uns dort zu besuchen und alles scheint sich zu fügen. Fügung ist überhaupt eine Erscheinung in dieser Angelegenheit, die alle Mauerritzen ausfüllt, die unser benommener Geist vielleicht noch wahrnehmen könnte, in der Wand aus Ergebenheit. Wir folgen ihm oder ihr wohin auch immer und was auch immer es kosten mag. Doch die Ernüchterung folgt auf den Füßen, die über Messer laufen müssen und wir haben keine Stimme uns zu offenbaren. Die Maske ist angewachsen auf unseren Gesichtern. Und alles was uns zu ihm oder ihr geführt hat, baut sich nun als Mauer vor uns auf – als unüberwindbares Hindernis.

Ich kehre den Boden, auf dem du schreitest? So nicht! Ich bin ein Wesen, dass sich nicht beugt, ich gehe meinen Weg mit Kurven und Sackgassen – aber es ist mein Gang, mein Weg, meine Entscheidung. Ja, ich liebe dich aber, wenn du mich leiden lässt, dann wird es sein, als wäre ich nie dagewesen. Denn dienen will ich nicht, genauso wenig wie herrschen.

Gehen wir aufeinander zu ohne Masken und hören uns an, was unser Gegenüber zu sagen hat, was er fühlt, wovor er Angst hat, worüber er nachdenkt und stellen uns gleichzeitig die Frage: Wie ist das bei mir? Erkenntnis ist die Frucht, die wir pflücken werden. Über uns, über die geliebten Menschen, über die Welt. Und wenn dann Machtgefälle ausgeglichen ist und wenn wir uns in die Augen schauen können ohne Lüge im Herzen, dann ist da die Chance auf eine Partnerschaft.

JB-04-2018

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Doppelhelix

Ein Gespräch mit dir hat mindestens zwei Wirklichkeiten
Mein Blick ins Wurmloch der Gezeiten
Berührung ohne Geländer
Unsre Geister Grabenlose Länder

Verrinnendes Gelächter gemalt auf dunkle Dielen
Verinnerlichter Blick in meinem heiligsten Raum
Und wieder reimt sich das auf Traum
Wie unsere Münder da spielen.

Ein Zweifel lässt das Glück versiegen
Was, wenn du gehst, wenn ich mich selbst vertreibe
Und ewig in der Schleife hängen bleibe
Die es bedeutet einen Geist zu lieben

Ich wache auf und finde Frieden
Im Sternenhimmel wird die Liebe siegen
Nicht nur die Griechen schrieben Wandellieder
Mir weckt der Frühling meine angespannten Glieder

Und wenn ich Wasser in mich selbst verwandel
Und mit mir wie mit allen andern handel
Und mir die Stirn mit Sternenlicht bekränze
Dann wird das Dunkel vertrieben durch meine Feuertänze.

JB-04-2018

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Seifenblasen

Erfindung deiner Rettung
In Einsamkeit verstrickt
Der Lebenden letzte Bettung
Ungeschickt

Zerplatzt im wahrsten Sinne
Meine Berater-Stimme
An der Wirklichkeit
Schleife Zeit

Ein Seltsames Bestreben dieses Leben,
Zu tun und zu lassen ganz ohne Klassen
Bomben aus Saatgut verteil ich in Erdenglut
Dann heißt vorbei: Endlich frei.

JB-04-2018

 

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Ermächtigt

Etwas
Verletzt mich
Es Umnachtet sich mein Geist
Umgetreten wird meine Lebenswiese
Ich bin ein Werkzeug meines Leidens
Vertrauen abhanden wie Zuversicht

Etwas
Versucht mich
Es umwindet mein Herz
Es tanzt damit hinaus in die Nacht
Zurück bleibt eine Hülle aus Wollen
Liebe zu Trauer

Etwas
Ermächtigt mich
Aus Worten wird Wahrheit
Aus Träumen werden Taten
Aus Himmel wird Heim
Aus Tanz wird Leben

JB-03-2018