Ruhetag

Vergebens schäle ich mich aus den Laken.
Will durchstarten,
Doch mein Geist schläft noch so tief.

Vergebens zerwühl‘ ich meinen Schopf.
Will mich zusammenreißen,
Doch meine Gedanken sind gezählt.

Vergebens öffne ich den Mund.
Will mit anderen reden,
Doch die Sätze schmecken ausgesprochen schal.

Was fange ich an mit einem solchen Tag?

Mein Bett ruft mich und ich gehorche.
Ich schenke mir Ruhe und verkleide mich als Murmeltier.
Müdigkeit überfällt die vielen Sorgen.

Mein Traum ruft mich und ich folge.
Ich schenke mir Schlaf und finde neue Geschichten.
Zuversicht überschwemmt meine Grübeleien.

Reuelos ruhen an stürmischen Tagen.
Innig Innenschau betreiben.
Folgen den weiszen Raben.
Vernunft vermeiden.

Zorn und Hoffnung gehen Hand in Hand.
Wer Luft ablässt, ist bald wieder entspannt.
Wer Ideen schmiedet an solchen Ruhetagen,
Trotzt dem Strom im Gepäck wichtige Fragen.

 

JB-03-2019

Achsen

Laut ist nichts an dieser Stimme
Die ich ehrlich gewinne
Kein Körper sich abzugrenzen
Keine Stunde zu schwänzen
In mir um mich
Kein Dunkel, kein Licht
Bei mir in allen Angelegenheiten
Will mit ihr lachen und streiten
Der Turm gefallen
Die Nebel wallen
Und die Wächter schreiten
Zu neuen Taten
Kann es kaum erwarten
Das Leben neu zu träumen
Im Garten mit dem Spaten
Aufzuräumen
Die Schmetterlinge tanzen
Auf den heiligen Pflanzen
Legen sie den Segen
Mir ist vergeben
Ich schau zu beim Wachsen
Ich wässre und hege
Und wie ich dazu mich bewege
Gedeihen auch meine Achsen

JB-05-2018

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Über die kleine Meerjungfrau

Die Geschichte der kleinen Meerjungfrau hat mich als Kind gepackt. Diese Seele, die das Gewohnte aufgibt, um sich der Liebe und dem Fremden hinzugeben. Es ist für mich nicht die Opferbereitschaft gewesen, die mich angesprochen hat – eher ihre Verwandlung und ihre Reise: Von Schwanzflosse zu schmerzenden Füßen, die sie nicht tragen wollen, in eine Welt, die ihr unbekannt ist, die sie jedoch anzieht.

Die kleine Meerjungfrau kennt die Welt über dem Meeresspiegel nur durch dass, was ihre Bewohner in der See verloren haben. Schiffswracks säumen den Meeresboden, Verlorenes wird durch das Mädchen neu entdeckt und sie reimt sich die irdische Welt vielleicht zusammen, wie wir, wenn wir ein Museum besuchen, Scherben in unserer Vorstellung zusammensetzen und die Grabbeigaben einer Priesterin bewundern.

Dann ist da ein Mensch, der von ihr gerettet und in seine Welt zurückgebracht wird. Was geht in ihr vor? Sie hat ihn gefunden und wieder verloren, weil er sonst sein Leben verloren hätte. Nun will sie ihm folgen, denn nichts ist ihr in ihrer Welt so vertraut wie sein Antlitz. Sie schließt einen Pakt mit der Seehexe, die ihr die Stimme raubt und ihr dafür den Gang an Land ermöglicht. Und dort taumelt sie nun umher, wie ein Schiff in sturmgepeitschter See. Der, den sie gerettet hat, erkennt sie nicht, wird getäuscht. Am Ende treibt sie als Meerschaum auf der Wasseroberfläche, weil sie es nicht schafft, sein Glück, ihn, zu zerstören.

Ist dies die Geschichte eines Opfertodes oder der Liebe, die am Gegenüber verzweifelt? Die Vorstellungen, die wir uns vom Geliebten machen beginnen mit Eindrücken, Gesten, Berührungen vielleicht. Erinnerungen, die im Museum unseres Geistes landen und dort bewahrt werden, bis dann der Ersehnte sich herablässt uns dort zu besuchen und alles scheint sich zu fügen. Fügung ist überhaupt eine Erscheinung in dieser Angelegenheit, die alle Mauerritzen ausfüllt, die unser benommener Geist vielleicht noch wahrnehmen könnte, in der Wand aus Ergebenheit. Wir folgen ihm oder ihr wohin auch immer und was auch immer es kosten mag. Doch die Ernüchterung folgt auf den Füßen, die über Messer laufen müssen und wir haben keine Stimme uns zu offenbaren. Die Maske ist angewachsen auf unseren Gesichtern. Und alles was uns zu ihm oder ihr geführt hat, baut sich nun als Mauer vor uns auf – als unüberwindbares Hindernis.

Ich kehre den Boden, auf dem du schreitest? So nicht! Ich bin ein Wesen, dass sich nicht beugt, ich gehe meinen Weg mit Kurven und Sackgassen – aber es ist mein Gang, mein Weg, meine Entscheidung. Ja, ich liebe dich aber, wenn du mich leiden lässt, dann wird es sein, als wäre ich nie dagewesen. Denn dienen will ich nicht, genauso wenig wie herrschen.

Gehen wir aufeinander zu ohne Masken und hören uns an, was unser Gegenüber zu sagen hat, was er fühlt, wovor er Angst hat, worüber er nachdenkt und stellen uns gleichzeitig die Frage: Wie ist das bei mir? Erkenntnis ist die Frucht, die wir pflücken werden. Über uns, über die geliebten Menschen, über die Welt. Und wenn dann Machtgefälle ausgeglichen ist und wenn wir uns in die Augen schauen können ohne Lüge im Herzen, dann ist da die Chance auf eine Partnerschaft.

JB-04-2018

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Wellenberge

Ungenügend zu beschreiben
Wie scharf Unglück riecht
Wie weit Wahn reicht
Hände aus Bitumen
Umfassen meine Sinne

Ich suche meine Stimme
Ich suche mein Morgen
Ich handle um jede Stunde
Ich kämpfe um jedes Lächeln
In mir nie mehr ein Reigen

Will etwas von mir zeigen
Will meinen Traum aufschreiben
Will die Karten nehmen wie sie kommen
Will mich wandelbar entscheiden
Vor mir eine Walfinne

Wellenberge keine Minne
Ich suche Schutz in ihrem Anblick
Ich sehe Schönheit vor dem Augenblick
Keine Furcht mehr vorm Ertrinken
Dafür Lust auf Schweigen

Ich tauche ab und höre Geigen
Das Ufer ist Erinnerung
Ein Schwarm von Fischen
Unter mir meine Welten
Die ich für mich gewinne

Atmen wie eine Wasserspinne
Schwimmen wie ein Fisch
Die Luft erinnert mich an Land
Die Füße im nassen Sand
Die Wellen umschmeicheln die Wurzeln der Weiden.

JB-03-2018

 

Tunnelblick

War so schön in Dunkelheit
Gefiel mir, war mir Eitelkeit
Nun fällt das Licht auf meine Haut
Hab wieder nur auf Sand gebaut

Seh diesen Glanz in weiter Ferne
Da wär ich gerne
Vorbei an dem was Nähe und Pein mir verhieß
Schnell raus aus dem Pansverließ

Eine Kerze find ich vor
Und ein noch verschlossenes Tor
Ich tauche eine Hand in meine Taschen
Nehm den Schlüssel will einen Blick erhaschen

Öffne das Tor und seh nur Pflicht
Kür verdorben im Sonnenlicht
Gaben der Unterwelt von denen ich nicht esse
Da ich sonst meine Scham vergesse

Zurück am fremden Ort
Allein im Krähenhort
Ein Spiel lenkt die Augen
Töne die Angst rauben

Ein Seil gespannt durch den Raum
Ich geh darauf wie im Traum
Vertrau mir: Was ich sagen möchte
Der Berg sieht im Propheten auch das Schlechte

Die Nacht beglänzt von Sternen ist mein Haus
Der Tag von Sonne erwärmt ist meine Flucht
Wenn Augenblicke werden wie eine Sucht
Dann wird das Spiel zum Graus

Nun tanze ich den Spott aus meinen Sachen
Und singe meine Worte mit Bedacht
Was wir am Tage miteinander machen
Bleibt dunkel, was gefühlt wird zeigt die Nacht

JB-01-2018

Systemfehler

 

Fehler im System
Ich schreie nicht mehr
Ich schreibe stattdessen
System mit Fehler
Ich weine nicht mehr
Ich lache stattdessen
Mitte ohne Wissen
Ich weiß nicht mehr
Ich bin stattdessen
Wissen ohne Mitte
Ich glaube nicht mehr
Ich weiß stattdessen
Traum ohne Bedeutung
Ich träume nicht mehr
Ich deute stattdessen
Trauma mit Bedeutung
Ich handle nach Maß
Weil ich sonst fühlen müsste

JB-12-2017

Dazwischen

Dazwischen

Die Stimme einer Göttin,
Versucht mich zu wecken.
Will mich davor verstecken,
Seh‘ darin keinen Sinn.

Diese Welt ist doch so wage,
Die Menschen so nüchtern.
Wie wir uns in Süchte flüchten,
Wie ich an meinem Selbst schwer trage.

Keine Magie gefunden,
Nicht in Liebe noch in Vergebung.
Der Nichtigkeit Ehrung.
An Logik mein Leben gebunden.

Da bricht es hervor,
Das Gefühl, da ist mehr.
Die Einsicht so schwer,
Ein noch geschlossenes Tor.

Da ruft sie wieder,
Tanzt auf den Hügeln.
„Sollst dich nicht fügen,
Schreib auf meine Lieder!“

Auf dem Grat zu wandeln,
Balance zu finden zwischen Welten.
Wie sonst meine Sinne mich schelten,
Das Dazwischen lässt mich handeln.

JB-10-2017