Bis ich das Blatt zu meinen Gunsten wende

Wer hat gehalten, was sie versprach?
Verschanzt, hinter Nichtigkeiten.
Das Wort und alle Zeiten,
Lassen ab, unverrichteter Dinge; geben nach.

Was mir so ins Geblüt geschossen,
In milden Gaben deiner Gunst, 
Was mir fehlt, ist die dunkle Kunst.
Meine Seele ist noch nicht verraucht und in die Höhe geflossen.

Höhlenkinder mit unendlicher Filmauswahl.
Das Leben liebt zu kosen und zu zerreißen.
Wie eine Katze, kann ich es unmöglich zurecht weisen.
Wir suchen Tränen und finden Treibholz verbaut im Ochsenstall.

Der Wagen führt mich in die Fremde.
Das Auge tränt, mein Mantel schimmert.
Wenn auch immer wieder eine Eule wimmert,
Ich fahre weiter, bis ich das Blatt zu meinen Gunsten wende.

JB 12_2021
Doodle: Portraitzeichnung einer Werwolffrau, JB-11-2021, puzzledsphinx

Silberstreif

Verschlafen, fast ganz eingebüßt meine Sehnsucht.
Finde, es geht mir besser ohne dieses Suchen.
Doch bin ich ganz und gar zufrieden ohne inneres Rufen und ohne Kluft?

Das Leben, das ich lebe, sinkt dank Völlerei tief in Routine ein.
Laufe wie mit Ketten im Morast.
Bin gerüstet für einen längeren Aufenthalt im Knast, zusammen mit alter Pein.

Doch mein Blut wird dort alt, da die Sonne es nicht aufwärmt.
Mein Körper wird fad, da er nicht eintaucht in Gefühl.
Mein Herz wird kalt, vor lauter Kalkül, da es nicht schwärmt.

Mein Suchen treib ich nun voran und bin wieder im Spiel.
Wille zündet Funken, leuchtet, ihr die Mut hat, diese Straße weiter zu erkunden.
Sie trägt davon tiefe Wunden, doch salbt sich am Ziel.

Dort fällt die Sünde ab von mir, wie eine alte Haut.
Verrenke nicht mehr meine Freundlichkeit.
Bevor mein Hoffen nochmals ergraut, Ihr verzeiht;
Rufe ich es aus und schreibe dann auf:
“Wann und wo sonst als hier und jetzt ist für die Liebe Zeit.“

JB-11-2021
Gänse fliegen vor einer Wolkendecke über einem sandigen Steilufer eines Baggersees.
Gänse über Baggersee, Foto: JB

Wer, was und warum?

Für wen schreibe ich?

Seit es literatpro.de als Plattform so nicht mehr gibt, veröffentliche ich nicht nur nichts mehr, ich schreibe auch viel viel weniger. Ungern schreibe ich für den leeren Raum. Das wird mir umso klarer, je schwieriger es wird (wohl auch wegen Corona), meine Gedichte zu veröffentlichen in einem Leipziger Verlag. BOD überlege ich jetzt, aber habe gerade überhaupt keine Kohle.

Was tun?

Weiter lesen und mir meiner Stimme immer bewusster werden. Was will ich sagen und wie will ich es ausdrücken? Was will ich der Welt mitteilen?

Dazu kommt noch die Frage, ob ich meine „Alten Sachen“ noch wertschätzen kann? Stehe ich noch hinter meiner Sehnsuchtslyrik oder ist das für mich wie für andere Lyriker*innen nicht relevant genug um zu überdauern? Ich habe Liebe empfunden und dieses Gefühl wenn das denn möglich ist, in Versen verdichtet. Mein letzter Text über Mary Wollstonecraft Shelley rührt etwas in mir an. Er singt ein Lied von Geburt und Sterben, davon etwas zu schaffen, was in der Welt etwas bewirken könnte und wenn nur bei einem einzigen Menschen.

Warum schreibe ich?

Angefangen habe ich, um meine Gedanken aus dem Kopf zu bekommen. Festgeschrieben stolpern sie nicht mehr ungefragt über die Schwelle in mein Denken. Nicht mehr so oft, nicht mehr so intensiv. Warum habe ich also damit aufgehört, bis auf die eine Seite Tagebuch am Tag? Ich bin selbst gerade im Wandel begriffen und werde mir immer mehr bewusst dessen, dass ich mich schmelze und neu forme. Wenn nicht Tag für Tag, dann doch Monat für Monat und Jahr für Jahr. Meine Gedanken sind in Rage und wüten durch den Käfig in den ich sie gesteckt habe, so dass ich überwältigt werde von Gefühlen, die ich nicht greifen kann. Mein Kopf rast. Keine Rast in Sicht. Und doch, ich schreibe wieder. Für mich? Für andere?

Immer für mich, immer um klar zu kommen, Probleme zu analysieren, Lösungen zu erschaffen.

So zum Beispiel: Ich habe meinen Blog, ich suche mir vielleicht ein anderes Schreibportal, Corona ist auch irgendwann vorbei hoffentlich und bis dahin sichte ich über dreihundert Gedichte, siebe aus und wenn nötig hab ich auch einen funktionierenden Drucker. Dann drucke ich halt selbst wieder aus mit Zeichnungen und Fotografien, genug Stoff ist da. Ich muss mich nur daranmachen und darauf habe ich auch wieder Lust und Zeit.

JB-JohannaBlau-hybridmoment-puzzledsphinx, Oktober 2021

yeah-Schriftzug in blauer Leuchtreklame
Versuche im Fluß zu schwimmen.
Verjage die Schwärme der trüben Gedanken.
Will an Land nicht mehr wimmern, 
Will nicht mehr wanken, Und doch:
Ich mal mit Schatten meine Liebe nach.
Fürchte mich vor dem, was ich mir selbst versprach.

Johanna Blau, Juli 2021
JB, Juli 2021

Körpergefühl

Kurz vor Mittag, in Trance von Ibu und Darjeeling.
Ein Traum tanzt mir auf der Nase herum, 
Ich schau ihm zu und bleibe vorerst stumm.
Er spukt durch die Geister vieler Menschen.
Und wenn schon, werde diesmal mit noch mehr Feeling dancen.

Der Bauch, der an mein Oberstübchen klopft.
Mir bescheinigt, was ich will, denke und fühle.
In vier Wänden tanze ich um mein inneres Gewühle.
Spüre die Wagnis meiner Wissensquellen.
Die Innen-Reise in aller Schnelle gelingt nahezu unverhofft.

Mein Schatten erklimmt turmhohe Wolken.
Ich tanze mich in glitzernde Gewänder, 
Als Frau ohne Panzer oder Schild, frei und wild.
Auf das alles, was mich verlässt, tröstend Abschied fühlt, 
Denn das Leben ist kein Test und ein Vorbild ist kein Abziehbild.

Lieblingsorte und liebe Wesen und das Gefühl von Verlust.
Verrückte Worte streicheln mir den Kopf,
Ich nehme sie mir zur Brust und pack mich am Schopf.
All das will auf die Bühne mit voller Lust.
Offen und ehrlich will ich genesen,
Denn das Happy End kommt erst zum Schluss.

Zauneidechse, Foto: JB Mai 2021

Mirrors

Forget about tomorrow
Now is what you feel
Be like a mirror, dont conceal
In the valley of yesterday
You will find only sorrow
Now is the time to dance
Now is the time to sway

No high heel, but lips to seal your mouth with
No splendid appearance, but hips that swing to the beat
Yes I want to love and feel the heat
But if its hot as hell
Do I live long enough to tell you
The way I feel 
This is the mirror I have to go through
I have to break this spell
Speak the words
If it comes to you
My heart is a pouring well
Devil and the Almighty Blues, Foto: JB 2019

Gestirne

Von heute, über morgen, bis in alle Zeit,
Umkämpftes Wesen dieser wandelbaren Härte.
In Zeug und Leinen gehüllt, ihr Weg ist weit,
Scheint sie, die Sonne mystischer Werte.
Ihr Untergang zeigt uns die Sternenkarte.
Und der Mond wacht über so manch Wilde Maid.

In allem ein Glanz von galaktischem Stäuben,
Wie wir auch, ist alles magisch ohne Wissen.
Der Trotz des Tages hilft dem nächtlichen Betäuben.
Wer darf zur Stunde der Hexen die Milchstraßenflagge hissen?
Vergib mir meine Träumerei, die Welt vergisst sich aufzubäumen.
Sehr sehnt sich dieses Herz nach dem Trost, den Träumende oft missen.

Heute ist in allem der Schrecken immanent.
Verborgen liegen in der Wahrheit solche Schmerzen?
Was blockiert, was entfremdet, was hemmt?
Allumfassend ist des Schicksals Spiel der flammenden Kerzen.
Der Planeten Bahn so klar und fest gelenkt
Und doch hat das alles mächtig Einfluss auf unsere Herzen.

Wie alles brennt im All in eisiger Unendlichkeit,
So gibt die Liebe nachts wie tags nicht auf.
Wie alles oben sich entfernt und wieder findet in mathematischer Gleichgültigkeit.
Verleiht unten dieses Spiel auch unseren Seelen ihren Lebenslauf.

JB 03-2021
Märzenbecher, JB 2021