Waldbaden

In der langen Dämmerung meines Breitengrades,
Gelingt es mir, Gedanken zu sortieren.
Dies und das haftet an mir beim Spazieren.
Ich lass es über meinem Kopf rotieren,
Entlang des neu gewählten Pfades.

Tierisches Rascheln hier und da,
Verlangt nach Blicken wie ein Menschenwesen.
Was auf mich zu kommt, wie um zu genesen,
Wichtig ist es, ohne zu viel zu lesen.
Mein Sein scheint mir klar.

Ankommen, sind die Wege auch verschlungen.
Vorbei an jeder Bank, Ruhe tanken in Bewegung.
Der Lauf der Sonne, verleiht dem Gange Schwung.
Von der Gedanken, wie der Füße Wanderung,
Sind meine Sinne aufnahmebereit wie meine Lungen.

Fort von allem, was mich treibt.
Der Tag endet in Verkleidung.
Der Mond trägt leicht am Sternenhimmel, er ist jung.
Über mir zerfällt das Universum,
Seit Anbeginn der Zeit.

JB-06-2019

IMG_9328-600

Selbstverwirklichung, eine evolutionäre Sackgasse?

Kommt vielleicht auf das Selbst an, oder das Ich. Kommt darauf an, was unter dem Ich schlummert und gern mal die Richtung weist, wenn es nicht weiter geht im Alltag, in gefühlten Schlüsselmomenten, oder wenn ich rückwärts die Einbahnstraße raus schleiche, in die ich mich manövriert habe – jahrelang und vor allem emotional. „Was wird das hier?“, fragen sich nun die Leser. Meine Antwort: „Eine Weltgeschichte!“

Wer bin ich, frage ich mich, wenn ich in den Spiegel schaue, auf den ein Sticker geklebt ist, auf dem geschrieben steht: „Warning – Reflections in this mirror may be distorted by socially constructed ideas of ‚beauty‘.“ Irgendjemand hat versucht, diesen Aufkleber wieder zu entfernen. Aber er war hartnäckig – der Aufkleber – und ich frage mich, was ist schlimmer, zu hinterfragen und sein Leben nach den Antworten zu gestalten, die mir gegeben werden oder ungefragt mit Wahrheiten konfrontiert zu werden, auf die mensch nicht vorbereitet war und vielleicht nie von selbst auch nur auf die Frage gekommen wäre.

Ich glaube, gerade geht es vielen Menschen auf der Nordhalbkugel so, die sich eigentlich einfach nur über das sonnige Wetter freuen und die nur Sorge haben, dass ihr Eis zu schnell schmilzt. Während ich mich um Stadt- und Waldbäume, Gebüsch, Getier und die Polkappen sorge, welche mit der Klimakrise kämpfen. War das meine Entscheidung oder wurde ich da hineingeboren? Irgendwie schon letzteres, aber ich will nicht zu weit ausholen. Ich esse jetzt jedenfalls gern veganes Eis für 2 Euro die Kugel. Ist auch keine super Lösung aber das Gewissen ….

Mein Gewissen und die Sicht auf die Zusammenhänge, lassen mich auf die Straße gehen, ob nun für Ein Europa für alle oder bei einem Trauermarsch für die aussterbenden Arten. Ich fühl mich dabei erst mal gut, bin aufgeregt und freue mich über die vielen Menschen, die zusammen kommen, um zu zeigen, dass es ihnen nicht egal ist, dass die Welt an die Wand gefahren wird. Ich bin ergriffen, wenn ich sehe, dass Gothics, die für aussterbende Arten getragenen Schritts durch die Innenstadt laufen, bei den Umstehenden Diskussionen über die Eisbären auslösen. Aber reicht das? Es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Denn wir sind alle Betroffen und dies ist eine Krise, die wir nur gemeinsam bewältigen können.

Vom Selbst übers ich zum Wir. Ich habe gelesen, dass wir, also wir Menschen, kooperative Tiere sind. Wir haben uns unter anderem so vermehrt und ausgebreitet, weil es uns möglich ist, zusammen zu arbeiten. Wir sprechen miteinander, teilen uns mit und tauschen uns aus. Streit gehört auch dazu. Wir leben und arbeiten in Gruppen, Cliquen, Teams. Wir besuchen Konzerte, auf denen wir anderen zujubeln, die uns aus der Seele sprechen. Wir lieben uns und hassen uns auch. Ich muss daran denken, wie sehr mein fehlender Selbstwert, mich daran gehindert hat, auf Menschen zuzugehen und wie oft das als Arroganz fehlinterpretiert wird. Das ist alles so komplex aber halt auch spannend.

Und wieder die Frage: Wo geht es hin mit diesem Text? Gefühl! Gefühl wird ausgelöst durch mein Gegenüber, wird ausgelöst durch mein Selbst, was in meinem Gegenüber sich selbst erkennt oder eben nicht. Und nun wieder die Frage: Wenn ich mich selbst verwirkliche, hilft das jemand anderem und kann das am Ende sogar die Welt verbessern? Und ja, ich will die Welt verbessern. Gutmensch und so: Ich! Besser, weil unser Umgang mit Natur und Umwelt nur besser werden kann und auch muss. Wenn es so weitergeht wie bisher ist das schlecht für uns alle und auch unmöglich – ganz logisch betrachtet.

Wie kann ich mich nun selbst verwirklichen? Ich bräuchte Zeit und ein Selbstwertgefühl, das meinen inneren Zensor in Schach hält, ich bräuchte Geld, damit ich mir ein Dach über dem Kopf leisten kann, damit ich was zu essen kaufen kann und auch damit ich mir was zu schreiben leisten kann, denn mein innerstes Bedürfnis ist es, zu schreiben. Damit lerne ich mich besser kennen, damit kann ich vielleicht auch andere Menschen erreichen, so dass sie anfangen zu hinterfragen. Auch mich zu hinterfragen und den Sinn dieses Textes, natürlich gern. Virgina Woolf hat das so genial geschrieben in „A Room of One‘s Own“. Meine Zeit und mein Geld und mein Leben reichen für Texte wie diesen, Gedichte und täglich Tagebuch. Was würde ich fabrizieren, wenn ich mehr Zeit und oder Geld oder Leben hätte. Und wäre das alles relevant? Natürlich kann ich davon ausgehen, dass eine andere Person diese Art von Essay schon geschrieben haben könnte, vielleicht auch aussagekräftiger oder gar als wissenschaftlicher Essay. Zum Beispiel habe ich gerade das Buch: „Das 6. Sterben“ von Elisabeth Kolbert gelesen und danach müsste ich nichts mehr zu Klimakrise und Artensterben schreiben, weil sie als Wissenschaftsjournalistin das so grandios und fundiert berichtet, dass dazu alles gesagt scheint.

Dies hier jedoch ist mein persönlicher Versuch, dieses wichtige und zerschmetternde Thema mit meinem Selbst in Einklang zu bringen. Dies ist mein Versuch mit allem klarzukommen und gleichzeitig wird es gerade ein Appell an alle, die dies lesen, sich selbst die Frage zu stellen: „Was würde ich tun, wenn ich die Wahl hätte?“ Und sich dann zu fragen: „Warum denke ich, ich hätte keine Wahl?“ Ich lerne das auch gerade, jeden Tag frage ich mich in mindestens einer Situation: „Muss ich das jetzt wirklich mitmachen? Was wäre, wenn ich aufstehe und gehe? Was wäre, wenn ich meine Meinung sage? Was wäre, wenn ich mich aus meiner Komfortzone raus begebe?“ Klingt anstrengend und ist es auch. Aber es lohnt sich für mich. Beispiele? Ich bin zufriedener mit mir, da ich meine Bedürfnisse klarer äußere und damit auch mehr bei mir sein kann. Das ist eine neue Erfahrung für mich. Ich war früher davon überzeugt, mein Gegenüber müsste ahnen oder sogar wissen, was in mir vorgeht und was ich will. Aber da gehe ich von mir aus. Andere sind nicht so emphatisch. Das akzeptiere ich nun und oftmals gehe anders mit meinen Mitmenschen um. Ich bin gelassener, aber immer noch falle ich in alte Muster zurück und denke dann für andere mit oder will unterstützen, wo mein Rat nicht mal erbeten worden ist. Das schlaucht mich und ich verschließe mich dadurch irgendwann.

Ist der Abschnitt oben ein Beispiel für eine Innenschau, mit der nur die Schreibende etwas anzufangen weiß? Oder bringt das anderen Leuten etwas? Das ist die große Frage mit der ich mich oft beschäftige. Zweifel an der Sinnhaftigkeit des kreativen Produkts, hat schon so manche verstummen lassen. Deswegen finde ich es praktisch, dass ich nicht vom Schreiben leben muss. Ich habe eine Teilzeitstelle und kann in meiner Freizeit kreativ sein. Ich entscheide frei, ob ich diesen Text auf meinem Blog veröffentliche oder nicht. Worüber ich keine Kontrolle habe, ist, wie ihn die Leute aufnehmen, was er ihnen gibt und was sie damit anfangen können.

Ist nun Selbstverwirklichung eine evolutionäre Sackgasse? In Elisabeth Kolberts Buch gibt es ein Kapitel namens „Das Wahnsinnsgen“. Es geht darin um die Neandertaler und darum, dass sie im Gegensatz zum Homo Sapiens, nie großartig in ihre Umwelt eingegriffen und diese somit umgestaltet haben, obwohl sie sich auch umeinander gekümmert haben und wohl auch intelligent genug gewesen wären. Der Mensch, wie er heute noch auf Erden wandelt, hingegen, hat sich nicht von reißenden Flüssen oder gar Meeren abhalten lassen, die Welt zu besiedeln und nach seinen Vorstellungen zu verändern. Dafür muss mensch schon etwas Wahnsinn in sich tragen aber vor allem Vorstellungskraft. Wir haben Kunstwerke und technologische Wunder geschaffen, sind aber auch seit langem dabei, unsere Lebensgrundlagen zu zerstören. Alles was wir uns in unserer Fantasie ausmalen können scheint Wirklichkeit zu werden, im Guten wie im Schlechten.

Liegt nun damit die Verantwortung Gutes zu planen und dann zu tun in jedem selbst, oder ist nicht auch die Gesellschaft gefragt, darauf hinzuwirken, dass wir genug Informationen haben und diese auch entsprechend sortieren können, um die für uns richtigen Entscheidungen zu treffen? Meiner Meinung nach, ist ein Weg dahin, der, den Menschen die Möglichkeit zu geben, sich selbst zu verwirklichen. Vielleicht wäre eine Welt in der die Lohnarbeit der Vergangenheit angehört und wir alle selbstbestimmt unser Leben mit einem Grundeinkommen gestalten können, eine Variante. Wenn wir nicht mehr jede Arbeit annehmen müssten, um Geld zu verdienen, dann gäbe es viele Jobs einfach nicht mehr und das sind Jobs, die niemand vermissen würde. Andere Bereiche wie Sorgearbeit und Landwirtschaft könnten umgestaltet werden, wovon wir alle und letztlich der ganze Planet profitieren würden.

Ich schreibe in dieser Zeit in meinen Gedichten viel über die Entmachtung der Mächtigen. Da für mich Machtgefälle oft Ursachen für Ungerechtigkeiten sind. Damit meine ich nicht Gewaltanwendung und auch nicht unbedingt Revolution. Ich meine damit eine nachhaltige Umwälzung der Verhältnisse. So oder so, Ungerechtigkeiten werden dieses System wohl bald zum Kippen bringen. Die Frage ist, in welche Richtung es fällt: Leid und Schmerz für die Menschheit und alle Lebewesen auf der Erde oder ein Gutes Leben für alle.

Ich fühle mich dazu aufgerufen, mir nach bestem Wissen und Gewissen die Informationen zu holen, die mich befähigen ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Denn nur, wenn ich zufrieden bin mit meinem Leben oder auch nur die Hoffnung auf Zufriedenheit im Leben sehe, gibt mir das auch Hoffnung zusammen mit anderen das Ruder herumzureißen und dem Sturm zu trotzen, den wir heraufbeschworen haben.

Vielleicht die Selbstverwirklichung der Einen der Grund gewesen für die Misere, aber immer auch gibt es die Menschen, die miteinander kooperieren, die auch mal altruistisch handeln, Generationen voraus planen und vor allem Zusammenhänge erkennen. Warum schätzen wir solches Verhalten nicht als zukunftsweisend und zukunftssichernd? Ich habe viele Vorbilder, die so gehandelt haben und es gibt unzählige Menschen, die gegenwärtig so handeln. Ich ziehe meinen Hut vor Menschen wie Virginia Woolf oder Elisabeth Kolbert und werde mein Bestes tun – auf meine ganz persönliche Art – zu versuchen, die Welt ein Stück besser zu machen und damit die Erde, unser aller Raumschiff, zu erhalten.

 

JB-06-2019

aroomofonesown-illustration-web1200

Gabe

Fluch ist, wenn das Herz aufhört zu schlagen.
Flucht ist, wenn mein Kopf mich wanken lässt.
Gefahr, wie soll ich anders sagen,
Ist Furcht, dass was mich ausmacht, mich verlässt.
Der Spruch: „Du sollst dich selber finden!“,
Lässt mich bald mit mir selbst Verstecken spielen.
Will alles Suchen überwinden
Und mich dann im Dunkeln wieder Fühlen.
Wer hat das Schwarzlicht noch erfunden,
Das mich an Mond und Sternen zweifeln lässt?
Möchte gern im Traum das Spiegelland erkunden,
Dessen Dasein mich durch alle Tage hetzt.
Doch Gabe auch Gedanken in Gestalt zu sehen.
Und Gabe auch das Licht im Prisma aufzuspalten.
Die Verse, die daraus entstehen,
Farbenfrohe Wesen, die sich in mir selbst entfalten.

DSCN9114-600

Parallelen

Trapezübung mit einem Menschen,
Den ich nicht kenne und nicht wollen mag.
Das Gefühl, dass das Netz unter mir verschwindet.
Zuviel des Guten,
Wenn er mich von der Seite her anstarrt.
Sich dann mit Flüsterworten um mich windet.

Ich will fallen, um zu leben,
Mich mit Salto verabschieden aus dem Rampenlicht,
Ein Clown, der mein Verschwinden laut verkündet.
Soviel Freiheit, wenn der Zirkus, die Zelte abbricht.

Meine Gesichter zeige ich ohne Maske,
Meine Geschichten lösche ich von allen Platten.
Wer mich nicht kennt, den will ich spüren.
Gespräch mit einem Menschen,
Der noch nicht weiß, was wir aneinander hatten.
Die Parallelen sind wie Schienen, die uns zueinander führen.

Zusammenspiel statt Aufprall,
Wenn ich mich öffne und wachse im Frühlingslicht,
Du spendest mir im Sommer kühlen Schatten.
Ein Miteinander gibt es zwar noch nicht.

Doch all das Fühlen webt an neuen Netzen.
Gewahr der Schmerzen, die der Absturz brachte.
Bau ich an neuen Schienen sachte.
Zu dir hin verschiebe ich meinen Überschwang.
Setze mein Werden in Gang.
Wandle uns ein Leben lang.

Verzeih, die Pracht der Blütenberge,
Bekränzte dein Haupt, da ich die Nacht erwachte,
Und über meine Angst laut lachte,
Das du nicht du warst und ich sterbe.

So finde ich viele Parallelen,
Im Dasein wie im Gehen und in deinem Wesen.
In Liebe aufzuwachen und zu sehen,
Die Liebe schläft so sanft, sie wird genesen.
Tagwach und himmelstürmend wehen
Wir diesen Traum in viele Seelen.

JB-03-2019

DSCN8990-600

Ruhetag

Vergebens schäle ich mich aus den Laken.
Will durchstarten,
Doch mein Geist schläft noch so tief.

Vergebens zerwühl‘ ich meinen Schopf.
Will mich zusammenreißen,
Doch meine Gedanken sind gezählt.

Vergebens öffne ich den Mund.
Will mit anderen reden,
Doch die Sätze schmecken ausgesprochen schal.

Was fange ich an mit einem solchen Tag?

Mein Bett ruft mich und ich gehorche.
Ich schenke mir Ruhe und verkleide mich als Murmeltier.
Müdigkeit überfällt die vielen Sorgen.

Mein Traum ruft mich und ich folge.
Ich schenke mir Schlaf und finde neue Geschichten.
Zuversicht überschwemmt meine Grübeleien.

Reuelos ruhen an stürmischen Tagen.
Innig Innenschau betreiben.
Folgen den weiszen Raben.
Vernunft vermeiden.

Zorn und Hoffnung gehen Hand in Hand.
Wer Luft ablässt, ist bald wieder entspannt.
Wer Ideen schmiedet an solchen Ruhetagen,
Trotzt dem Strom im Gepäck wichtige Fragen.

 

JB-03-2019

Warum Spatzen für mich die wichtigsten Geschöpfe auf der Erde sind

Heute im Park beim Lesen spazierten die Spatzen auf den frühlingshaft grünen Zweigen umher und tschilpten sich zu.

Heute auf dem Weg nach Hause vom Einkauf, flog so ein Spatz an mir vorbei und mir kam ein Gedanke: Für mich sind Spatzen die wichtigsten Wesen auf der Erde. Es wird nicht einfach sein, das Warum zu erläutern, aber ich werde es in diesem Text versuchen; auch weil heute Weltspatzentag ist, wie ich beim Scrollen in Facebook erfahren durfte, habe ich mich entschlossen diesem Gedanken nachzugehen.

Heute ist ebenso Tag des Glücks, wie meine Eltern am Telefon erzählten, was für mich super zusammen passt: Glück wie Vierblättriger Klee, Fliegenpilz oder halt Spatzentschilpen. Die Frage stellt sich nur, wer diese „Tage des …“ festlegt? Gibt es da ein Komitee, was sich damit beschäftigt? Aber ich schweife ab. Zurück zu den unauffälligen und vielleicht deswegen sehr lauten Haussperlingen, wie sie in der Vogelkunde genannt werden.

Aufgewachsen bin ich in einem Haus mit bröckligem Putz und vielen Ritzen. Prädestiniert für eine Spatzenkolonie. Solange ich hören kann, höre ich ihr Tschilpen also. Schon als Baby im Kinderwagen und auch als kleines Kind. Als Jugendliche hab ich dann oft mit Kopfhörern Musik gehört aber nie, um die Spatzen auszublenden. Das war für mich auch Musik. Musik, die ich hier in Leipzig wieder an einigen Ecken höre. Und ja, das ist dann für mich ein nostalgisches Glücksgefühl an Kindheit mit viel Raum und Zeit.

Ein Dilemma ist es da, dass ich auch Katzen sehr mag, die wie alle wissen Spatzen zum Fressen gern haben. Eine Episode meiner Jugend: Ich sollte Wäsche auf dem Wäscheboden aufhängen. Meine Katzenfreundin Biene wollte unbedingt mitkommen. Ich ließ sie und als ich mit Wäsche aufhängen beschäftigt war, hörte ich auf einmal aufgeregtes Tschilpen. Da kam auch schon Biene angelaufen mit einem toten Spatzenküken im Maul. Ich hatte ein sehr schlechtes Gewissen deswegen, denn ich hatte Eins und Eins nicht zusammen gezählt. Unsere Spatzenkolonie brütete unter dem Dach und vom Dachboden aus war es für eine Katze ein leichtes die Nester zu erreichen. Das war mir aber eine Lehre für die Zukunft und ist mir nicht nochmal passiert.

Warum nun sind diese Vögel mir so wichtig? Das mit der Nostalgie ist vielleicht klar geworden. Des weiteren sind Haussperlinge für mich der Inbegriff der Stadtnatur. Sie sind angewiesen auf Hecken, in denen sie nisten und ruhen können. Sie brauchen Nahrung in Form von Raupen und Samen. Das alles gibt es in einer „aufgeräumten“ Stadt leider nicht mehr. Alles wilde, alle Spielplätze für die Natur sind da schon den Baggern und Neubauten gewichen. Noch ist es in Leipzig nicht ganz still, aber mir fallen umso mehr die Inseln der Spatzen auf, die noch übrig geblieben sind. Und es wird gebaut und gebaut.

Warum ich das so schlimm finde? Ich finde das schlimm, weil ich mich nicht als Krone der Schöpfung ansehe. Als Mensch sehe ich mich nicht über anderen Lebewesen stehen. Ich versuche auch danach zu leben, was sehr schwer fällt, wenn ich mir vor allem meinen Speiseplan anschaue. Ich will auch nicht predigen. Ich will versuchen, verständlich darzulegen, warum mein Leben nicht wertvoller ist als das eines Spatzen, was meine vollste Überzeugung ist. Und dann erkläre ich sogar, warum er für mich wichtiger ist als meine eigene Spezies, wie die Überschrift ja provokanter weise ausdrückt.

Es gibt Lebewesen auf der Erde, die schon so lange existieren als Art, sich immer weiter entwickeln bis hin zur Perfektion. Der Mensch gehört für mich sicher nicht zu diesen Lebewesen; Bakterien, Viren oder Pilze, sind da schon näher dran. Zugegeben sie haben auch Vorsprung was die Zeit angeht, in der sie sich entwickeln konnten. Überhaupt, wenn ich daran denke, wie großspurig die Spezies Mensch von sich denkt, dann ist da wohl ein riesiger Minderwertigkeitskomplex am Start. Da muss an Evolutionsjahren einiges kompensiert werden mit hoher Denkleistung, Bewusstseinswerdung und vielen, vielen positiven Mantras. Oder anders ausgedrückt: Größenwahn.

Wie soll das auch anders sein, wenn mensch sich sogar seiner nächsten Verwandtschaft den Affen schämt? Lange Zeit wollten wir diese Verwandtschaft ja auch nicht anerkennen und es gibt immer noch genug Vertreter von Homo Sapiens, für die die Erde eine Scheibe ist, sieben Tage lange im größten Steinofen des Universums von Gott gebacken. Da hat so was wie Evolution keinen Platz und die Menschen haben von Papa ja auch den Freifahrtschein bekommen über die Erde zu herrschen, sie sich Untertan zu machen und sie dann, wie ein spielendes Kind das Kinderzimmer, zu verwüsten. Nicht mein Weltbild!

Mein Weltbild hat viel mehr mit einem Kreis zu tun als mit einem nach oben spitzen Dreieck. Ich meine Kreis im Sinne von dem „Circle of Life“. In dieser Grafik sind wir eine ganz kleine Nummer, wenn auch unser „Impact“ verheerend ist. Und in diesem Kreis des Lebens sehe ich auch dass Spatzen schon so einiges überlebt haben. Wie andere Vögel sind sie die Nachfahren von den Dinosauriern. Sie hatten Zeit so geniale Sachen wie Federn zu entwickeln und fliegen zu lernen. (Achtung „Flugneid“ nicht ausgeschlossen.) Sie haben sich wie Wolf und Katze entschieden in der Nähe des Menschen zu leben. Wobei sie wohl wiederum mehr mit Katzen gemein haben, die auch gut ohne Menschen auskommen können, wenn es denn drauf ankommt.

Und nun sind auch diese Tiere, die solange so gut überlebt haben am Verschwinden. Diesen Spruch von Einstein oder Maurice Materlinck finde ich sehr passend: „Wenn die Bienen aussterben, sterben vier Jahre später auch die Menschen“. Für mich und auf Spatzen übertragen heißt das: „Wenn die Spatzen aus meinem Leben verschwinden, geht mit ihnen für immer auch meine geistige Gesundheit.“ Und da mir diese sehr wichtig ist und ich auch schon weiß, wie es sich ohne anfühlt, sind mir Spatzen wichtiger als ich selbst es bin.

JB-20-März-2019

Zerrspiegelnd

Rate, wem ich traue
Mein Selbst, wie ich mir Brücken baue
Versuch, um Schande zu vermeiden
Mich zu entfesseln und neu zu schreiben
Bastel‘ mir im Kopf unsichtbare Murmelbahnen
Lass Kugeln rollen, die mich nicht mehr nachahmen

Mein Leben haucht an die Galaxie
Ich befinde mich in Therapie
Klar war mir vorher nie
Wie sehr ich flieh
Vor der Amnesie
Vor dem Er und Sie
Lieber bin ich Hippie
Als ich mein Gefühl verlieh
Traf mich das Spiegelbild mit Agonie

Seewasser tropft herab auf eine wartende Braut
Hab ich dir nicht vertraut?
Hab ich dich geköpft oder war das deine Vorhaut?
Werde jetzt nicht laut
Versuche zu verstehen
Wie die Tage verwehen
Und was bleibt ist stehen
Wir haben den Weg nicht gesehen
Im Sturm der Raumzeit
Alles was ich sah war zerrspiegelnd wahr
Aber erklär das mal Lord Narr
Der sein Schloss aus Glitzer baut
Traum lässt sich nicht verorten
Obwohl wir Gefühle horten
Ist das Loch im Bauch vollzeit da
Ist das Leben als Hauch unbewusst nah

Das Spiegelwesen, dass mich anschaut
Im Dialog mit meinem Schein
Suchte ich die Antwort
Dabei fand ich Pein
Was sehen die anderen?
Was bin ich allein?
Da gibt es kein Verhandeln
Und keinen Halt
Sollt ich mich verwandeln
Werd ich so alt?

Leise verwoben
Leicht verschroben
Wandel nach oben
Will endlich sein

JB-3-2019