Ich schenke dir ein Licht

Ich schenke dir ein Licht,
Gegen die, die dich fressen wollen mit Haut und Haar, gegen die , die dir Schlechtes wollen. Gegen die, die dich übervorteilen und ausnutzen wollen, bis nichts mehr bleibt, was für sie nützlich ist. Gegen die, die dir erzählen, dass du so wie du bist, nicht okay bist.

Ich schenke dir ein Licht:
Du bist okay. Du bist wertvoll. Und du bist wichtig, nicht nur für mich.
Du zählst. Deine Meinung, deine Worte, dein Wille, das alles zählt, nicht nur für mich.
Du bist nicht abhängig davon, was andere über dich denken, und von dir erzählen. Du bist, wer du bist und das ist gut so.

Wenn du dich nicht mehr findest, zurechtfindest, wenn du nicht mehr zurechtkommst:
Schalt das Licht an und schau dich um.
Wer wird geblendet? Wer versucht, das Licht zu löschen? Wer wärmt sich daran? Und wer fragt dich, wie er oder sie helfen kann, dass es nicht wieder ausgeht.
Wer hilft dir, das Licht hell erstrahlen zu lassen?

Johanna Blau, 19.01.2024

Der Hurrican

Im Auge des Sturmes stehen wir beide, in inniger Umarmung. Wir küssen uns. Wir lieben uns. Wir erzählen uns alles.

Eines Tages gehe ich ein Stück zurück, weg von dir. Ich spüre einen Lufthauch, dann stärkeren Wind. Ich rufe dich und will wieder zu dir zurück, in die warme Zone an deiner Brust.
Du schaust mich an und gehst einen Schritt zurück.

Der Sturm umtost mich. Kleine Steine treffen meinen Körper. Kleine Äste durchbohren meine Haut.
Ich rufe dich lauter, du schaust mich an und gehst einen Schritt zurück.

Um mich zerfetztes Papier, wie alte Erinnerungen. Ich werde durchlöchert von Ästen und von fliegenden spitzen Steinen gepeinigt. Ich schreie vor Schmerz. Du schaust mich an, drehst dich um und gehst.

Der Hurrikan bist du.
Johanna Blau, 28.12.2023

Morgenröte in scheelen Landen

Hart an der Grenze, bremst mein heiliger Wagen.
Ich kann nicht sagen, ob das reicht für heute.
Wer von mir weicht, wer mich erreicht,
Mit Worten oder Taten:
Der*die erbleicht oder errötet vielleicht.
Hingerotzt meine Antwort;
Auf Pein oder Argwohn oder Kummer.
Rede mit Mir!

Der Wirbelsturm, der mein Rückgrat brechen wird,
Ist hoffentlich noch nicht geboren.
Ungesühnt die hybriden Stunden.
Völlerei statt Verlangen.
Keime im Guten wie im Schlechten.
Ich sehe nach dem Rechten und erstarre,
Solange ich auf „Freeze“ geschaltet bin,
Verwalte ich mein Leben, wie ein Uhrwerk.

Überlebensmodus.
Und ja, ich will Leben.
Es geht los!

JB-11-2023

Unser Meer – Our Sea auf Spotify zu hören

Wenn der Faden reißt

Geduld ist eine Tugend
Schwierig in der Jugend, 
Wenn alles noch vor dir liegt.
Schwierig im Alter,
Wenn die Zeit zu schnell verfliegt.

Wenn du wartest auf Gesundung,
Oder auf die nächste Erdumrundung.
Und auf das Hätte, würde, könnte schaust,
Du hast dir noch kein Haus gebaut, 
noch keine Sprösslinge gezeugt oder gepflanzt,
Und doch schon überall damit gepranzt.

Das, was ich will, ist nicht so schwer:
Die gute Laune soll jetzt her,
Der Clown den ich gefrühstückt hab, 
liegt leider tot in meines Bauches Grab.

Ich will ja lachen und will weinen, 
Doch alles Fühlen, versteckt sich in der Gefühlekiste, 
die ich zugenagelt habe.
Nachdem alles Wühlen vergeblich in mein Verwirren führte.

Die Gedanken fahren wieder Karussell, während ich hier mein Dasein friste.
Ich weiß noch, was ich gestern spürte,
Kurz wie Genesung während deine Hand mich berührte.
Ich will ja fühlen, ich will lachen, doch sehe ich, was die anderen machen, 
Macht mich das nur müde und noch mehr verzweifelt.

Ich geh jetzt schlafen und morgen schau ich, was mir dann noch fehlt:
Zum Glück, zum Lohn, zum Weiterkommen. 
Vielleicht Geduld, vielleicht reicht es ja,
morgen ANZUFANGEN endlich anzukommen.

JB-11-2023
Der Glücksgott Jurôjin, Bizen, Japan, 19. Jahrhundert, fotografiert im Grassimuseum, Herbst 2023

Tanzt den Goldenen Reiter

„Trash Disse“ in Connewitz, eine Flasche Sekt geht rum unter den Leuten, die sich auf der Tanzfläche bewegen. Das nächste Lied fadet ein: eine Freundin, mit der ich die Diagnose teile, tanzt sich zu mir durch und meint, das ist unser Lied. Es läuft „Goldener Reiter“ von Joachim Witt. Ich nicke energisch und lache laut. Ja, das ist unser Lied wir umarmen uns und singen lautstark mit. „Hey, hey, hey, ich war der Goldene Reiter. Hey, hey, hey, ich bin ein Kind dieser Stadt. …“
In einem anderen Laden in Connewitz, nicht weit entfernt, aber erst gestern beim „Punk-Konzi“, eine befreundete Band spielt ihren einzigen Coversong. Es ist der „Goldener Reiter“. Ich nehme mir vor einen Text über dieses Lied zu schreiben. Nun sitze ich vor meinem Laptop mit einem Grinsen auf dem Gesicht und feuchten Augen.

Dieses Lied begleitet mich schon eine Weile auf den Tanzflächen der Stadt. Schon davor beim Studium, auch in der Kleinstadt, in der ich mein Abi machte, wurde es bei Diskos des Soziokulturelle Zentrums gespielt. Wann habe ich den Text bewusst wahrgenommen? 2007 habe ich meine erste Psychose durchlebt. Danach nahm ich Medikamente, die sich nicht gut vertragen haben mit Alkohol und habe nicht viel beziehungsweise nicht lange gefeiert. Vier Jahre ohne Alkohol und ich musste erstmal meinen Groove finden ohne dieses Mittel der Enthemmung.

Den Groove habe ich auf der Tanzfläche gefunden. Wie in Trance bewegte ich mich zum Rhythmus und zu den Melodien, die auf mich einwirkten. Meine Muskeln spannten sich rhythmisch an und entspannten sich wieder, genauso wie ich es mir wünschte. Dieses Spiel mit den Melodien belebt mich heute noch genauso und lässt mein Ego so klein werden, wie ein Sandkorn an einem langen, wunderschönen Strand. Wenn ich mich vergesse, bin ich eine von Vielen, nicht mehr und nicht weniger. Tanzen ist mein Rausch geworden.

Joachim Witts Lied „Der Goldene Reiter“ taucht immer wieder auf in diesem Kontext, in der Moritz Bastei bei Studi Partys, sangen Student*innen im ersten Semester dieses Lied mit. Dadurch brach für mich eine Mauer weg. „Lebensbedrohliche Schizophrenie“ verliert etwas vom Schrecken, wenn es durch so viele Kehlen freudig gesungen und betanzt wird.

Zwei Jahre nach meiner zweiten Psychose, bin ich in Kontakt mit der Fotografin Kirsten Becken. Sie möchte ein Artbook herausgeben. Sie möchte darin die Erlebnisse ihrer Mutter künstlerisch bearbeiten und aufarbeiten. 2017 erscheint „Seeing Her Ghosts“ und beinhaltet zahlreiche spannende englische und deutschsprachige Texte und Kunstwerke. Ein Gedicht von mir erscheint unter meinem Geburtsnamen. Ich blättere auf die Seite 57 und finde „Zunder“ abgedruckt neben Joachim Witts Liedtext zu „Goldener Reiter“.

JB-10-2023

Zunder

Ein Kleid genäht aus Zunder
Und wieder geh ich unter.
Schuhe gemacht aus Leid,
Langsam vergeht die Zeit.

Tanze zu Herzenstönen.
Will wieder dem Leben frönen.
Will wieder mit Lachen im Blick,
Weben an meinem Geschick.

JB-10-2016

http://kirstenbecken.de/seeing-her-ghosts/

Kunstfilm: Ihre Geister sehen von Kirsten Becken: https://www.youtube.com/watch?v=0pafjlo2Vqw

Das Zelt aus Himmel ist zerissen

Das Biest lauert in mir, kanns nicht abschütteln und nicht vernichten.
Es lässt mir keinen Raum zum wirklich Sein. 
Es lässt die tiefe Liebe nicht hinaus und nicht hinein.
Druck auf der Brust, versuch zu schlafen, doch es wühlt in mir.

Der Zweifel ist des Biestes Kind und wie ich davon frier.
Furcht verwoben in den Furchen meiner Stirn.
Die Brauen kennen Grauen nicht nur aus Erzählung.
Bin ich so stumm, dass alles in mir schreit nach Zähmung.

Und lass ich los den Klammergriff der reinen Vernunft, dann falle ich in dampfenden Dung.
Zerträumt die Nacht, ich wache und ich weine, das Zelt aus Himmel ist zerrissen. 
Es kleidet nun den Nachtmahr im Geheimen. Warum nur will ich ihn denn küssen?

Im Gefängnis das Leben beginnen. In sich selbst gefangen. 
Der Ausbruch wird vereitelt durch der Anderen Missgunst.
Was wenn wir gemeinsam die Mauern niederbrennen, die uns trennen?
Dem Unbekannten offen gegenüberstehen mit heidenhafter Inbrunst.

Johanna Blau, Oktober 2023