Liebe in Zeiten der Krise

Die Haare auf meinen Zähnen, machen mich unattraktiv für die falschen Partner*innen, so hoffe ich. Soweit, so gut. Die Farbe auf meinen Lippen signalisiert ihnen, auf Abstand zu bleiben. Sie kommentieren: Das ist aber ein rotes Rot. Ich lächle und zeige meine Zähne. 
Die Männer in meinem Herzen müsste ich erobern, aber meine Innere Prinzessin wartet immer noch darauf, von ihnen gerettet zu werden.
Die von mir erwählten Menschen retten sich selbst. In ihrer Abwesenheit schwebt der verborgene Tanz, der mir von ihnen versprochen wurde.
Das Los, das ich ziehe, zieht mich in die Welt, egal wohin, egal wer, nur los.
Loslassen; das Gebot der Stunde. Die Welt macht es vor. Und der Tand bäumt sich auf in meinem Zimmer, ich räume und räume, bis ich wieder Gastgeber*in sein könnte.
Die Katze liebt das Chaos. Ich liebe mich selbst. Und immer der Anschein von Glück im Spiegel, bis mir die Flecken auf der Oberfläche auffallen. Ich fange an zu putzen.
Fallen oder Fliegen fragte ich mich. „To fall for someone“ und „to fall in love“ heißt es. I fell for you and no wonderwall appeared, just writings on the wall of your back.

Der Blick, der mich fragen macht, warum ich dich nicht umarme und frage, was du morgen machst?
Der Blick, der mich fragen macht, warum ich jemals Hoffnung hatte, dich zu fragen.
Der Blick, der mich fragen macht, warum ich mich frage, was in dir vorgeht und ob du dir auch alles mit mir vorstellen könntest.
Was ist Wahrhaftigkeit, wenn nicht die Möglichkeit im Verstand und im Gefühl zu ertasten, sich auszumalen, was sein könnte. An einer Weggabelung zu stehen und sich zu entscheiden, sich zu entscheiden. Was passiert, wenn die innere Wahrheit, der Wahrheit eines Gegenüber begegnet. Endlich ent-täuscht sein, es besser als ewig vielleicht grundlos zu hoffen.

Die FOMO Meditation habe ich mir für später auf der App gespeichert. Für den Mittagsschlaf, den ich mir leisten kann. Ich will zurück zu meiner Zufriedenheit, mir der ich in die Welt ging und auf Freunde traf, die ich noch nicht kannte. Seit dem letzten Samstag, sehe ich Feind*innen, da wo ich vorher Menschen sah. Dieses Bild, welches SpiegelTV rahmt und verhöckert, möchte ich betrachten und dann wieder dem Fegefeuer übergeben.
Offen seien meine Augen zu sehen, offen seien meine Ohren zuzuhören. Und offen sei ich für die Freude, das Leid, und den Weg, den du gegangen bist, ehe wir uns trafen.

Johanna nion Blau, 22.01.2026

Über Fantastische Ausbrüche

Das ewige Kleinmachen, hat mich wütend werden lassen, so wütend, dass der Käfig, in dem ich hocke, ganz ausgebeult existiert in meiner Fantasie. Bin ich die, die ich war oder der, der ewig an die Türe geklopft hat? Gibt es überhaupt eine Trennung zwischen Selbst, dir und anderen? In Zuständen wabert das Gegenüber als Geist durch mich hindurch. Unangenehm und frei wir zu sein. In meiner Vorstellung sind zwei Ganze zusammen etwas neues Ganzes. Etwas Verbundenes: frei und gestärkt.
Aus diesen Fantasien und Geschichten möchte ich ausbrechen, möchte mich neu und neugierig erfahren, auch andere. Spaltungen aufheben, wie eine Schnur, die auf den Boden geworfen wurde, wann und von wem auch immer.
Ich als Mensch bin ganz in meiner komplexen Charakterstruktur. Ich will gesehen werden, ich will Interesse erzeugen und in meiner Seele soll ein Licht entzündet werden, wie ich mit meinem Interesse Licht in anderen zünden möchte. Die Liebe als Licht in dieser Zeit des Nebels. Die Liebe als Klarheit in Zeiten der Fragen ohne wirklich wahrhaftige Antworten.
Das Kleinste hat Freundschaft mit dem Größten geschlossen, wenn meine Hände Luft umarmen, ist da Sonnenschein, Welle oder Teilchen; ist da Regen, magnetisches Wasser von der Schwerkraft, in meine Hände gelenkt.
In allen Alltagsbegegnungen steckt eine Magie, welche Ohnmacht in Frage stellt. Die Zeit in meinem Kopf sagt mir die richtige Stunde: zu Ruhen, zu Tanzen, zu Begegnen.
Das Handeln, ein Schweif aus Erfahrungen, Hoffnungen und Ängsten, thronend über der wagen Zukunft, wurzelnd in subjektiv erinnerter Vergangenheit.

Worauf ich hinaus will? Jede Zeit ist die richtige oder falsche, einen Sprung ins Ungewisse zu wagen. Die Frage ist: Bin ich bereit? Ist das Leben nicht so falsch oder richtig, wie unsere Vorstellung davon? Ist der andere Mensch mit seinen Wünschen, seiner Last, seiner Freude, seinem Leid und seinem Hoffen in uns ein Spiegel? Woraus besteht das Spiegelbild, außer aus schwerem Blei?
Mein Selbst ist die Summe von vielen Spiegeln, mein Ich ist eine Erinnerung an einen Traum, doch ich erfinde mich neu, wenn ich erwache. Jeder Tag ist ein Versuch meiner Stimme, hörbar zu werden für mich und für andere.
Die Stangen des Käfigs, in dem ich mich regelmäßig wiederfinde, sind immer auch die Ängste des letzten Tages, der letzten Begegnung mit anderen und mit mir selbst. Ruhe finde ich da, sammeln kann ich mich da. Meine Träume entwickeln sich da. Aber dann muss ich aufstehen, während der Käfig als Illusion sich entlarvt, auch wenn es kurz schmerzt in den Knochen, den Faszien, den Muskeln darin, dann weil ich ungewohnt aufgerichtet atme. Mein Körper ein Wachstumsschmerz und ich fange an, daraus ein Lied zu dichten.
Mein Mund öffnet sich, die Töne, entlockt der feinen Umarmung mit meinem Leben, entstehen. Der Blasebalg pumpt Luft in meinen kräftigen Lungen, mein Leben atmet mich immer wieder ein und aus. Der Klang meiner Erfahrung ist das Klangexperiment, was ihr hört, lest. Es beginnt …
Frieden allem Leben. Frieden aller Existenz. Wut in meinem Bauch, auf die welche, das Leben schänden. Wut in meinem Herzen, auf die, welche die Liebe für ihre Zwecke nutzen. Wut in meinem Kopf, auf die welche die Lüge zelebrieren und die Wahrheit nackt verhöhnen.
Werte nicht Wärter sollen regieren. Sorgen in den Händen der falschen Menschen, vermehren sich wie der magische Brei im Märchen. Darum sollte Hoffnung die Währung unseres Miteinanders sein. Hoffnung sollte der Kompass sein für unsere gemeinsamen Entscheidungen.
Ich bin mit meinem Herzen, mit meinem Willen und mit meinem Verstand verwoben. Ich bin verwoben mit der Welt, der Gesellschaft, mit euch. All diese Verbindungen schmerzen und lassen mich gleichzeitig frohlocken. In meinem Organismus ist Nichts allein. In mir kommt Nichts nicht von außen. Wie soll ich mich schützen, vor dem was kommt? Ich schreibe dagegen an. Das ist meine Antwort auf eure Fragen. Und wenn ich stürze, fällt ein Baum der Erkenntnis wieder in Ungnade, und wenn ich stürze, ist die tiefe Nacht fast vorbei. Was folgt, überlasse ich eurer Fantasie.

Johanna nion Blau, 12.10.2025

Gemeinschaften – Von den Grenzen der Vorstellungskraft

Die Grenzen des Verstandes brechen auf. Der Verstand, gefüttert von Erfahrung, Kenntnissen und Erlebnissen sträubt sich dagegen. Dann doch der Moment, wo Gefühl und Geist in Einklang mit der Seele existieren. Der Moment, in dem ich mich wohl und sicher fühle. Der Moment, in dem ich planen, lieben und erschaffen kann. Aber ist dies möglich in einer Welt, in der keine Pause vorgesehen ist, keine Kontemplation möglich scheint? Menschen schlafen, stehen auf, arbeiten, essen, arbeiten, üben ihr Hobby aus oder gehen zum After-Work-Event und dann schlafen sie wieder. Das alles ist weitaus komplexer. Menschen haben Familie. Menschen werden krank. Menschen gehen keiner Lohnarbeit nach und leiden vielleicht darunter oder auch nicht.

Mir geht es darum: Wir rennen heute der Zeit hinterher und diese ist dadurch nur noch knapper bemessen, wie es scheint. Es kommt mir so vor, als wären die Zeitdiebe aus Michael Ende’s Buch „Momo“ am Werk. Viele Menschen finden nicht die Muße über ihr Leben, über ihre Träume nachzudenken und darüber, wie sie sich selbst verwirklichen könnten. Sie funktionieren, bis sie es nicht mehr tun. Sie gehen über ihre körperlichen und mentalen Grenzen, um einem Beruf nachzugehen, der nicht ihre Berufung ist. Welche Auswirkungen hat also die Gesellschaftsform, in der wir leben auf uns als Menschen? In diesem Text frage ich mich ehrlich, herzlich und achtsam: Wie verlief mein Arbeitsleben bisher und welche Auswirkungen hat das auf mein Leben? Ich sinne darüber nach, wie eine andere Gesellschaftsform geschaffen sein könnte.

In der Zeit, als ich Abitur machte, traf sich unsere Clique am Rande einer Kleinstadt auf einem von Bäumen umstandenen Spielplatz. Die anderen kifften und tranken, ich beschränkte mich meistens auf Alkohol, um gesellig zu werden. In einem Gespräch mit einem meiner Freunde, ging es an einem Abend um Nationalstaaten. Er fragte mich, warum es sie gibt und wie sie entstanden seien. Ich wusste darauf keine Antwort. Außer die, dass es nun mal so sei. Als ich mich auf sein Gedankenspiel der Welt ohne Grenzen einließ, öffnete sich in meinem Kopf und in meinem Herzen jeweils ein neuer Raum: Die Weltordnung ist menschengemacht, wurde mir zum ersten Mal wirklich bewusst.

Als ich mit 24 Jahren meine Diplomarbeit schrieb, zog es mir noch einmal gedanklich die Füße weg. Riane Eislers Buch: „Kelch und Schwert“ las ich in der Zeit. Ihr Fazit lautete: Krieg ist nicht die natürliche Ordnung der menschlichen Gesellschaft. Es gab wohl eine Zeit vor etwa 5000 Jahren, in denen es lange Phasen des Wohlstandes und des Friedens gegeben habe für alle Menschen, nicht nur für die herrschende Klasse. In der Schule im Geschichtsunterricht lernten wir so viel über Kriege, wer sie wann geführt hatte und weswegen und vor allem erfuhren wir viel über die Sieger. Die Phasen zwischen den Kriegen, die Zeiten des Friedens schienen uninteressant. Mein Herz schrie nach dieser Erkenntnis: Leid ist menschengemacht.

Die Welt könnte anders gestaltet sein. Menschen könnten in Frieden miteinander leben. Wir sollten Natur und unsere Umwelt nicht ausbeuten, bis hin zur Zerstörung. Mit diesen Überzeugungen gehe ich heute durch die Stadt, in der ich lebe. Mit dieser Haltung schaue ich mir die Nachrichten an, mit diesen Gefühlen gehe ich arbeiten, werde ich krank und mache weiter, so gut es geht. Die Gesellschaft, in der die meisten Menschen auf diesem Planeten leben: Kapitalismus, Patriarchat, Demokratien, diese Systeme sind nicht selbstverständlich. Wir als Gesellschaft könnten sie an veränderte Umstände anpassen. Auch wenn es schwierig ist und es von den kurzfristigen GewinnerInnen des Systems zusätzlich erschwert wird: Die Systeme, die Menschen geschaffen haben, können Menschen auch wieder ändern, oder? Aber was, wenn wir uns nicht in der Lage dazu fühlen, wenn wir so vereinzelt „gehalten“ werden und so durch Lohnarbeit beschäftigt werden, dass ein einzelner Mensch nicht das Gefühl hat, etwas ausrichten zu können.

Ursula K. Le Guin sagte 2014 bei den National Book Awards in New York: “(…) We live in capitalism. Its power seems inescapable. So did the divine rights of kings. Any human power can be resisted and changed by human beings. Resistance and change often begin in art, and very often in our art, the art of words.”Wir leben im Kapitalismus. Seine Macht scheint unausweichlich. Genauso wie das königliche Recht durch Gottes Gnaden. Jeder menschlichen Macht kann widerstanden werden und sie kann durch Menschen verändert werden. Widerstand und Veränderung fangen oft in der Kunst an, und sehr oft in unserer Kunstform, der Kunst der Worte (Übersetzt von Verfasser*in). Wenn ich ihre Worte lese, bin ich beseelt. In meinem Kopf beruhigen sich die schwer flirrenden Gedanken und mein Herz hört fürs Erste auf zu schreien. Ein Mensch, der schreibt, kann etwas ändern. Sodann ans Werk.

Ich finde mich in einer Zelle wieder, auf der einen Seite in einer Ecke eine Blechtoilette, in der anderen Ecke gegenüber hängt eine Videokamera, die filmt, was ich tue. Die Mitte des Raumes dominiert ein Bett. Oft in den zwei oder drei Tagen in diesem Raum klopfe ich an die Tür, schreie, um mir Gehör zu verschaffen. Es reagiert niemand. Erst wenn ich eine Weile ruhig bin, öffnet sich die Tür. Ich bekomme etwas zu essen.

Der beschriebene Raum befindet sich in der geschlossenen Abteilung einer Psychiatrischen Einrichtung. Ich wurde zwangseingewiesen. Gerechtfertigt? Die Psychose, die ich erlebe, manifestiert sich seit Monaten. Ich höre Stimmen, bin überzeugt davon, dass ich telepathische Kräfte besitze, kann nicht schlafen und auch nicht aufhören zu denken. Das Wahngerüst, welches in meinem Kopf herangewachsen ist, wird in diesem Raum zur gedanklichen Festung. Die Stimmen in meinem Kopf übernehmen die Führung. Ich werde die Inhalte des Wahnsinns, der mich in diesem Raum zuerst besucht hat, wohl mein Leben lang mit mir tragen. Warum war ich da? Es wurde falsch ausgesagt über mich, was die Polizei dazu bewogen hat, mich einweisen zu lassen. Aber selbst, wenn ich getan hätte, was mir vorgeworfen worden war, niemand sollte allein in einen Raum gesperrt werden, allein mit vollgeschriebenen Wänden und der eigenen verwirrten Psyche. Gerade in diesem vulnerablen Zustand sollte ich versorgt und nicht weggesperrt werden.

Es ist passiert. Ich habe diese Grenzüberschreitung und die daraus für mich folgenden Verletzungen überlebt. Ging es darum, mich zu heilen? Das frage ich mich immer noch. Oder ist es nicht eher ein auf Linie bringen, was da passiert? Menschen, die die gesellschaftlichen manchmal nicht einmal niedergeschriebenen Regeln verletzen, werden weggesperrt, bis sie wieder funktionieren? Meinen psychotischen Zustand habe ich einmal so beschrieben: “Ich überspringe die Zäune der gesellschaftlichen Grenzen, wenn sie für mich nicht nachvollziehbar sind.“ Das macht mich für andere unberechenbar und leider auch werde ich dadurch oftmals als gefährlich eingestuft.

Diese Tatsachen bringen mich seit zehn Jahren dazu, durchgängig Psychopharmaka zu nehmen, die Nebenwirkungen haben und meine Organe belasten. Die Lebenserwartung von psychisch kranken Menschen in Behandlung ist rund zehn Jahre geringer als die von Menschen ohne Psychiatrieerfahrung, so habe ich gelesen. Trotzdem nehme ich die Tabletten, um mich selbst zu schützen vor gesellschaftlicher Ächtung, aus Angst vor dem Verlust von Freund*innenschaften und weil ich die Kontrolle über meine Gedanken und meine Gefühle nicht noch einmal in diesem Maße verlieren möchte. Ich kann mir nicht vorstellen in dieser Gesellschaft ohne Psychopharmaka klarzukommen. Der oben beschriebene Absetzversuch ist fehlgeschlagen, trotz langsamen Ausschleichens. Trotzdem kann ich Menschen verstehen, die das Ausschleichen versuchen, der Gefühle wegen, die dann wieder spürbarer werden, ihres Körpergewichts wegen, oder auch wegen kreativer Gedanken, welche dann wiederaufkommen können oder aufgrund anderer Gründe. Ich habe mich für die Medikamente entschieden, obwohl ich in einem linken Stadtteil wohne, wo die Menschen aufgeschlossener sein sollten gegenüber Menschen in psychischen Krisen. Hier werden seit Jahren aber die Lücken zwischen den Gebäuden und die Freiräume in den Köpfen der Einwohner*innen beeinträchtigt, durch Gentrifizierung und durch Spaltungsprozesse innerhalb der Szene.

Eine Frage kommt mir in den Sinn: Ist das Gegenteil von Grenzen, die Freiheit? Freiheit, ein Begriff, der bei der letzten Wahl in Deutschland in so vielen Wahlprogrammen so oft aufgetaucht ist und dessen Bedeutung dadurch so stark ausgehöhlt wurde, dass nur noch leere Versprechen übriggeblieben zu sein scheinen, wenn nicht sogar die Verkehrung der eigentlichen Definition. Für wen ist diese eine Freiheit vorgesehen? Ist es die Freiheit der Lobbyisten für Konzerne Politik zu machen, statt für Bürger*innen, Arbeiter*innen und Menschen mit Behinderung? Vielleicht sollten wir aufhorchen, wenn „die Freiheit“ als hehres Ziel genannt wird und nicht die Freiheiten. Die Freiheiten, die für viele verschiedene Menschen mit verschieden Erlebnissen und Erfahrungen individuellste Bedeutungen haben. Die Freiheit zu reisen, ist zum Beispiel für viele in Deutschland lebende Menschen nicht selbstverständlich. Dabei ist es für Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit immer noch so leicht wie für wenige andere, in anderen Ländern Urlaub zu machen ohne Visum. Diese Freiheit war doch auch ein entscheidendes Kriterium für viele Staatsbürger*innen der ehemaligen DDR auszureisen und hat diese Diktatur 1989 mit geholfen zu Fall zu bringen und die innerdeutschen Grenzen zu öffnen.

Sieben Jahre war ich damals alt, habe erfahren welche LehrerInnen bei der Staatsicherheit waren, habe erfahren, dass die Lehrerin, die mir das blaue Pionierhalstuch überreichte, nicht mehr Schulgarten unterrichten wird. In unserem Dorfladen fand ich nach der Wiedervereinigung keine Schokolade mehr, da ich nur die Schlagersüßtafel kannte. Ich habe als Kind erlebt, wie eine staatliche Ordnung innerhalb von wenigen Wochen in sich zusammenfällt und ohne viele Umschweife etwas anderes den leeren Räum, das Machtvakuum, welches entstanden ist, auffüllt. Wie, wenn Pflanzen über Osmose Nährstoffe aufnehmen. Viele Menschen, die älter waren als ich, sich in Ausbildung befanden, einer Arbeit nachgingen, eine Familie hatten, die im gewohnten System fest im Leben standen, haben diese krassen Veränderungen erschüttert bis ins Mark. Das soll keine Entschuldigung sein für die politischen Entwicklungen im Osten von Deutschland. Es ist die Ambiguität der Tatsachen. Die Menschen haben die offenen Grenzen gefeiert, aber die fehlenden Entscheidungsmöglichkeiten, das fehlende Mitspracherecht auf persönlicher, wie gesellschaftlicher Ebene als ein einschneidende Enttäuschung und Grenzverletzung abgespeichert. Viele ehemalige DDR-Bürger*innen erinnern sich an diese Zeit, wie an eine Niederlage und an einen Verlust von Werten, die über die DDR-Regierung hinaus, bewahrenswert gewesen wären.

Als Kind habe ich einen festen Zusammenhalt unter den Menschen in meinem Dorf erlebt. Ich weiß nicht, ob das gelebter Sozialismus, aus Not geborenen Solidarität oder kindliche Verklärung von Erinnerungen waren. Die Erntezeit war für mich eine magische Zeit, es gab Gemüse wie Schoten und Möhren aus dem eigenen Garten und die Strohballen von den Feldern wurden von den Dorfleuten in die Scheune auf unserem Hof verfrachtet. Ich habe dieses Gefühl des Zusammenhalts und diese Freundlichkeit untereinander für mich immer bewahren wollen. Und sooft mir das ein Nachteil war, im „System der Ellenbogen“, so oft sagte ich mir: „Ich werde nicht selbst egoistisch und ignorant, weil sich andere mir gegenüber so verhalten.“

Meine aktuelle Lage: Ich bin krankgeschrieben, mein Antrag auf berufliche Rehabilitation wurde abgelehnt, der Rentenantrag ist seit vier Monaten in Bearbeitung. Ich bin in einen Zustand des Wartens. Das Gute daran ist, dass ich Zeit habe für mich. Das lässt mich langsam gesunden. Ich werde verhaltenstherapeutisch unterstützt und nutze Ergotherapie. Die Zeit, die ich für meine Aktivitäten und Termine habe, reicht aus, alles in Ruhe zu machen. Der Stress in meinem Leben reduziert sich auf ein nie gekanntes Minimum und meine sonst so häufigen Infekte gehören der Vergangenheit an. Ich merke, wie gut mir diese Zeit tut. Der Faktor Zeit, welcher purer Luxus ist, in der gegenwärtigen westlichen Kultur. Dessen bin ich mir sehr bewusst. Doch das schlechte Gewissen, nichts Nützliches oder „Sinnvolles“ zu tun, wird immer leiser und leiser. Ich tue etwas Sinnvolles für mich, ich heile und bin immer zufriedener auch mit mir.

Die äußeren Zwänge fallen so gut wie weg. Dadurch merke ich, dass ich für die „normale“ Arbeitswelt nicht gemacht bin. Im bestehenden „Turbokapitalismus“, wird von allen alles verlangt, inklusive Erreichbarkeit rund um die Uhr. Das kann ich nicht mehr leisten. Die Krankheit war bisher mein Stopp-Zeichen. „So geht es nicht weiter!“, sagte sie eindringlich zu mir, mit Symptomen, die mich einschränkten, in dem, was ich tat. Ich bin im beruflichen Kontext schon häufig aussortiert worden. Meine persönliche Grenze, was ich mit mir machen lasse im Berufsleben, liegt da, wo ich gemobbt werde, da wo ich keine Unterstützung mehr erfahre, sondern, mir das eigentliche Arbeiten erschwert wird. Und das ist mir passiert. Ich wurde ausgenutzt im Billiglohnsektor und in Kontexten ehrenamtlicher Arbeit. Ich wurde unten gehalten von sogenannten Visionären und Pionieren.

Es ist eine Sache, sich persönlich zu entwickeln im Kapitalismus, eine andere, im Patriarchat beruflich als weiblich wahrgenommene Person die passende Nische zu suchen. Mein Vorhaben war es, eine Umschulung anzufangen. Dies wurde von der Rentenversicherung abgelehnt mit der Begründung: „…, weil keine Aussicht auf eine wesentliche Besserung der Erwerbsfähigkeit besteht und Ihr Arbeitsplatz durch Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben nicht erhalten und auch ein anderer Arbeitsplatz nicht erlangt werden kann.“  Diese Aussage hat mich in der Depression tief getroffen. Diese Aussage war wie ein Urteil über mich als Mensch, nicht nur über mein Arbeitsleben; und das nach Aktenlage. Die Begleitumstände wurden meiner Meinung nach nicht berücksichtigt. Der Mensch hinter der Diagnose wird nicht gesehen vom Menschen am Schreibtisch.

Wenn es um Effizienz gehen würde oder um Wirtschaftlichkeit, warum werden dann so viele schon erkrankte Menschen im Billiglohnsektor „verheizt“? Auch heute während einer langsam abklingenden Depression, bin ich überzeugt davon, dass ich eine Arbeit gut ausführen kann, wenn die Faktoren für mich optimal sind. Und das will ich tun: Arbeiten, meinen Beitrag leisten. Auch wenn ich den vorherrschenden Kapazitismus („Es zählt nur die Leistung, die du erbringst, nicht du selbst.“) in diesem Land kritisiere, ich ziehe Selbstwert aus Arbeit. Vor allem in einem gut eingespielten Team und mit Aufgaben versorgt, die mich herausfordern, fühle ich mich wie ein Otter im Wasser. Das möchte ich nicht missen.

Die optimalen Bedingungen herrschten bisher in meinem Freiwilligen Ökologischen Jahr, welches ich nach meinem Studium absolviert habe. Ich wollte vorsichtig ins Arbeitsleben starten, nachdem ich meine erste psychische Krise beim Schreiben der Diplomarbeit erlebte. Das Team auf Arbeit war wertschätzend, hat zusammengehalten, die Chefin hat mich gut betreut, so dass ich auch für mich schwierige Aufgaben gemeistert habe. Mir wurde geholfen, mich auszutesten und meine Hürden zu überwinden. Die Grenzen, die ich mir selbst gesetzt habe, konnte ich gut verschieben in dieser Zeit, die auf diese krasse erste persönliche Krise folgte.

Nach dem Freiwilligen Ökologischen Jahr startete ich in den ersten Arbeitsmarkt und das hoch motiviert. Auch über die Entlohnung meiner Stelle freute ich mich. Ich hatte noch nie so ein hohes Einkommen erzielt. Meine erste Lohnarbeit leistete ich als Support-Mitarbeitende mit 40 Wochenstunden Arbeitszeit plus Bereitschaftsdienste. Das schaffte ich zwei Jahre lang gut, dann begannen Mobbing und die bestehenden Bedingungen an mir zu zehren. Ich bekam ein Burn-out, also eine Erschöpfungsdepression, diagnostiziert. Die Psychose, welche sich entwickelte, daraufhin, durch Einsamkeit und einen Absetzversuch meiner Medikament verursacht, brachte mich auf die geschlossene Station. Nach der akuten Krise hatte ich jahrelang mit Depressionen zu kämpfen und als ich mich wieder aufgerappelt hatte, war es sehr schwierig eine Arbeit zu finden.

Ich hatte einige Vorstellungsgespräche nach der zweiten akuten Krise, mit meiner chronischen Erkrankung und Behinderung ging ich offen um. Bei einem Gespräch schrie mich der Chef der IT-Firma regelrecht an, ich sollte doch meinen Schwerbehinderten-Ausweis loswerden, da ich sonst in dieser Branche nie Arbeit fände. Und es stimmt, die Firmen bezahlen in der Regel eher die Ausgleichszahlungen, als Menschen mit Behinderung einzustellen.  In dieser Form und anderen wurde ich daran gehindert am Arbeitsleben teilzuhaben. Obwohl Teilhabe am Arbeitsleben für Menschen mit Behinderung in Deutschland ein gesetzlich geregeltes Recht ist.

Aber eben nicht nur in der Privatwirtschaft ist die Teilhabe am ersten Arbeitsmarkt ein Problem. Auch nach der medizinischen Reha, wo mir der Oberarzt die Möglichkeit einer berufliche Reha in Aussicht gestellt hatte, bin ich regelrecht zusammengebrochen, als durch die Rentenversicherung dieser Antrag abgelehnt wurde. Das weitere Prozedere für mich, wäre ein Widerspruch gewesen. Da mir das Schreiben nicht schwerfällt, hatte ich auch einen Widerspruch parat. Die Hürde hier war für mich die monatelange Unsicherheit, ob der Widerspruch durchgehen würde und ob ich am Ende die gewünschte Umschulung bekommen würde oder doch eine Weiterbildung. Natürlich gibt es wichtige Vereine, wie den Sozialverband VdK Deutschland e.V., der Menschen bei solchen Anträgen unterstützt und auch klagen kann in ihrem Namen, falls der Widerspruch abgelehnt wird. Aber zu diesem Zeitpunkt bin ich noch nicht Mitglied gewesen und habe nicht das nötige Geld gehabt, eins zu werden.

Die Ebenen hier: die persönliche Ebene, mit Hürden, die ich überwinden möchte, was sich aber aufgrund meiner Biografie, meiner Erfahrungen und meiner Einschränkungen nicht einfach gestaltet. Die zwischenmenschliche Ebene, mit ihren Hürden im Berufsleben, Chefs, welche wollen, dass etwas funktioniert, egal wie und die nicht viel von Förderung der Mitarbeitenden halten, wenn sie während der Arbeitszeit passieren soll. Wenn jemand geht, gibt es reichlich Nachschub im Bereich „Human Ressources.“ Die gesellschaftliche Ebene mit ihren Vorurteilen gegenüber Menschen mit Behinderungen, die Menschen behindern, an der Gesellschaft ihren Wünschen und Stärken entsprechend teilzunehmen. Die Gesellschaftsform Kapitalismus in der alle zu funktionieren haben, egal wie. Bis sie „ausgebrannt “ sind oder abgestumpft sich selbst und anderen gegenüber. Das Patriarchat, welches weiblich wahrgenommenen Menschen, an die „Gläserne Decke“ stoßen lässt, oder über die „Gläserne Klippe“ stößt.

Es könnte doch so anders sein. Weg von der Normativität, der Norm, weg von der gepriesenen Normalität, an die sich alle anzupassen haben. In einer Reportage des BR: „Neurodiversität – Wie normal ist anders“, hat der Journalist Manuel Stark Menschen mit Neurodivergenzen interviewt und sich dabei erfrischend anders eingebracht. Diesen Beitrag habe ich sehr positiv aufgenommen, weil es eben nicht nur um Einschränkungen gehen sollte, sondern um Stärken von Menschen mit ADHS, Autismus oder Legasthenie. Es ging vor allem um die Personen. Niemand hat gesagt, dass er*sie jetzt alle im Spektrum repräsentiert. Sondern es handelte sich um Portraits von Menschen, die unter anderem neurodivergent sind. Diese Art der Individualität ist meiner Meinung nach sehr unterstützenswert. Jede Person hat Schwächen, Stärken, Besonderheiten. Auch für Unternehmen wäre es von großem Vorteil, Menschen so zu akzeptieren, wie sie sind und ihr Denken, Fühlen, Handeln zu respektieren. Wir alle haben unzählige, persönliche Potenziale, die gefördert werden wollen.

Vor allem auf der zwischenmenschlichen Ebene bin ich für verbindendes Miteinander, für Offenheit und das Hinterfragen der eigenen Vorurteile. Natürlich sind Schubladen da, in die Menschen zuerst gesteckt werden. Die Kunst ist aber, sich dessen bewusst zu sein und Denkmuster gezielt zu hinterfragen. Die eigene Begrenztheit ist ein Luxus, den wir uns schon lange nicht mehr leisten können. Zu viele schöpfen Wert aus Vorurteilen, Hass und Ängsten. Was hat uns in der Vergangenheit als Menschheit vorangebracht?

Es waren Personen, die offen miteinander kooperierten, auch zusammen Projekte ins Leben riefen. Es waren Personen, die in Gruppen gemeinsame Erfahrungen machten. Dieses Verhalten wird uns durch die Zeit der politischen Umbrüche und Tabubrüche bringen. Dies macht uns auch zukunftsfähig, davon bin ich überzeugt. Und nicht nur ich. Darüber schreibe ich in meinen Texten, meinen Gedichten, davon spreche ich mit meinen Lieben und Menschen, die ich noch nicht kenne.

Mir ist es wichtig, nicht nur „gegen Etwas zu sein“, nicht nur Grenzen zu setzen, gegen das, was ich nicht will, was ich als unmoralisch, verwerflich und lebensfeindlich einstufe. Mir ist es wichtig, mich für meine Überzeugungen einzusetzen. Meine inneren Grenzen möchte ich überwinden, offen auf Personen zuzugehen, in Gesprächen auch zuzuhören und nicht nur meine Meinung verlauten lassen. Darüber hinaus möchte ich in meinen Texten zum Nachdenken anregen.

Utopien sind für uns überlebenswichtig. Das wonach wir streben, haben wir vielleicht noch nie erfahren: Eine Gesellschaft, in der Menschen tauschen, was sie brauchen oder nach Sinn der Commons. Gemeingüter, die gemeinsam angeschafft werden. Das, was alle selten brauchen, wird geteilt und auch die Wartung solcher Geräte übernimmt die Gemeinschaft. Von Bohrmaschinen über Rasenmäher zu Zeitungsabos und Generationenhäusern die Vielfalt der Commons ist nur durch die Vorstellungskraft der Gemeinschaften begrenzt, die sie nutzen. Elinor Ostrom und Silke Helfrich sind zwei Namen, die für mich mit der Wissenschaft rund um die Commons fest verknüpft sind.

Viele Ideen in diese Richtung werden schon lange in realen Gemeinschaften umgesetzt. Wir kennen die Lösungen für viele unserer heutigen Probleme und wenden sie auch so gut es geht an. Doch werden wir heute schlecht oder gar nicht auf der politischen Ebene unterstützt. Vereine, die wichtig sind, wie der Mosaik e.V. in Leipzig, der sich um die psychosoziale Versorgung von geflüchteten Menschen kümmert, müssen um ihre Existenz bangen, weil Förderungen durch die Stadt und das Land Sachsen auf der Kippe stehen. In Sachsen ist die Finanzierung vieler Vereine gerade nicht gesichert.  Gegen Menschen, welche sich in Vereinen engagieren, wird von oberster politischer Seite her gehetzt. Es wird untersucht, ob Gelder „gerechtfertigt“ seien. Die Hürden, die engagierten Menschen in den Weg gebaut werden, reichen immer höher. Es braucht viel Energie sich dem entgegenzusetzen, zum Beispiel indem alternative Förderungen gesucht und beantragt werden oder freiwillige Helfende zu betreuen, kurz: die Vereine am Leben zu erhalten. Das kostet Zeit und Energie.

Wir befinden uns, wie Robin Wall Kimmerer in ihrem wunderbaren Buch „Geflochtenes Süßgras – Die Weisheit der Pflanzen“ schreibt, gesellschaftlich an einem Scheideweg. Entweder gehen wir den Weg der Ressourcenausbeutung und Ausbeutung unserer eigene Spezies weiter, was zur Auslöschung des Lebens auf diesem Planeten führen kann, oder wir entscheiden uns für eine Wende hin zum „grünen Weg“. Dieses Bild der Weggabelung: Auf der einen Seite alles, was Menschen angerichtet haben und anrichten auf der Welt: Kriege, Verwüstungen, Diskriminierungen und Ungerechtigkeiten. Auf der anderen Seite, eine üppige begrünte Stadt, in der Gemeinschaften sich, soweit es möglich ist, selbst versorgen, miteinander handeln und für die bestehenden Probleme gemeinsam Lösungen erarbeiten.

Diese Vorstellung ist es auch, die mich schreiben lässt. Diese Utopie ist es, die mich antreibt. Es existieren Lösungen für die Probleme unserer Zeit. Wir können es angehen für alle ein besseres, anderes, vielleicht noch unvorstellbar schönes Leben zu ermöglichen. Die Begrenzung in unseren Köpfen dahingehend, lassen sich gut durch Literatur, durch Gespräche und durch Träumereien aufbrechen. Meine Hoffnung besteht darin, dass genügend Menschen in diesem Land, die Zeit finden, die Grenzen der persönlichen Entwicklung, die äußeren Hindernisse und die Grenzen der eigenen Vorstellungskraft zu überwinden.

In Heinrich Bölls „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“ steckt eine Lösung, die ich versuche für mich umzusetzen. Ich möchte nicht der Altersrente hinterherschuften oder einem unerreichbar weit entfernten Ziel: viel Geld, viel Freizeit, etc. Mein Ziel ist es, jeden Tag achtsam und bewusst zu erleben. Ich strebe an, jeden Tag etwas zu tun, was mir guttut, und jeden Tag etwas, was anderen in irgendeiner Form helfen könnte. Mein Ziel ist es, bewusst das Hier und Jetzt zu erleben.

Ich genieße gerade den Luxus an meinem Schreibtisch zu sitzen, an meinem Sonnenfenster und die Zeit zu haben, zu schreiben, zu erschaffen. Das wünsche ich mir für alle, die auch diesen Drang kennen, zu schreiben. Das wünsche ich mir für alle, die künstlerisch tätig sein wollen. Mögen sie die Möglichkeit haben, sich auszudrücken, sich selbst zu verwirklichen. Unser aller Zufriedenheit würde dazu beitragen, die Grenzen der bestehenden Ordnung sprengen. Und dies wäre für den gesamten Planeten, mit allen Pflanzen, Tieren und Menschen darauf eine Wohltat.

Quellenangabe:

  • Michael Ende: Momo, oder, die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte. Ein Märchen-Roman. München: DTV, 1988.
  • Riane Eisler: Kelch und Schwert. Von der Herrschaft zur Partnerschaft. Weibliches und männliches Prinzip in der Geschichte. München: Goldmann Verlag, 1993.
  • Robin Wall Kimmerer: Geflochtenes Süßgras. Die Weisheit der Pflanzen. Aufbau Verlag, 9. Auflage, 2024.
  • Heinrich Böll: „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“. Aus Heinrich Böll, Werke, Band: Romane und Erzählungen 4, 1961-1970, S. 267-269. Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln. (der Text ist im Internet zu lesen)
  • Silke Helfrich, David Bollier und Heinrich Böll Stiftung (Hg.): Die Welt der Commons. Muster Gemeinsamen Handelns. transcript Verlag, Bielefeld, 2015.

Text übers Versuchen

Es gab eine Ausschreibung vom edit Magazin und der rotorbooks Buchhandlung in Leipzig. Mensch sollte einen Essay zum Thema „Grenzen“ einreichen. Ich habe es versucht, habe einen Versuch darüber geschrieben, wie ich zu leben, zu überleben versuche in der Arbeitswelt, in der Welt an sich als Mensch, als mich antreibende Kraft, und ich habe darüber geschrieben, was mich hindert. Diesen Text mag ich vor allem, weil ich ihn eingereicht habe. Ich habe mich getraut, etwas zum Thema „Grenzen“ zu konzipieren, zu schreiben, einzureichen und mich damit dann bewerten zu lassen.
Als ich vor ungefähr zwei Wochen meine neue E-Mailadresse mitgeteilt habe, kam die Absage. Das hat mich getroffen. Der Text ist sehr persönlich und zeigt gleichzeitig gesellschaftliche und politische Missstände auf. Dann wieder habe ich beim Schreiben zum Thema nicht diese Stimme gefunden, die ich manchmal schaffe niederzuschreiben, wenn ich drauflosschreibe, ohne thematische Begrenzung und ohne ein gedachtes bewertendes Gegenüber, für das ich schreibe. Ich finde die Sprache, die ich in diesem Essay verwende, hölzern, den Satzbau zu reduziert, die Argumente versuchen für sich zu sprechen, aber schaffen sie das auch? Ich werde diesen Text auf meinem Blog veröffentlichen, ohne weitere Bemerkung außer diesen Text hier übers Versuchen. So dankbar bin ich für die Möglichkeit in diese gefühlte Leere zu schreiben, dann ein paar Mausklicks, es ist online und ihr könnt es lesen. Das macht mich zufrieden. So will ich schreiben. Vor allem so, dass es für mich passt. Wenn dann Menschen, was damit anfangen können, ist es wunderbar.

Liebe Grüße, Johanna Blau

„Nie wieder“ ist jetzt

Ein Auto fährt unter meinem Fenster vorbei, daraus ertönt: „Fuck you I won‘t do what you tell me!“ Der Song heißt „Killing in the Name“, die Band, die ihn in den 1990ern geschrieben hat und damit aufgetreten ist, heißt: Rage Against The Machine. Gerade befinde ich mich in einem Zustand, der schwer zu fassen ist; kurz vor der Resignation, kämpferisch auf meine Art noch und mit weitestgehend klarem Verstand, versuche ich die komplexen Zusammenhänge zu verstehen, die auf unsere Gesellschaft und Umwelt gerade einwirken. Ich schaue mir Dokumentationen an, scrolle durch Instagram und lerne investigative bürgerjournalistische Kooperativen wie Bellingcat kennen. Dann sehe ich erschütternde Videos von Menschen in den USA, die um die Einhaltung der Menschenrechte in ihrem Land bitten und Leute weltweit darauf aufmerksam machen, was in den USA gerade abläuft. Eine heldenhafte Person stellt sich der ICE entgegen mit ihrem Smartphone und hat Erfolg. Andere weinen in ihren Autos und machen auf katastrophale Entscheidungen der US-Regierung aufmerksam, die sie meist selbst in großen Ausmaßen betreffen. Mich bewegt die Unmittelbarkeit dieser Nachrichten von betroffenen Menschen, die zeigen, wie einer der mächtigsten Staaten der Welt vor den Augen der Welt in eine faschistische Gesellschaftsordnung umgewandelt wird. Und alle schauen zu?

Gestern bei einem Konzert in Connewitz, waren nur wenige Leute im Publikum. Doch die Band „War/Plague“ hat mich trotzdem oder gerade deswegen mitgerissen. Die Angst und Wut, die Sorgen und Hoffnungen, welche ich hege wegen aktueller politscher Entwicklungen weltweit, das alles kam hoch, da die Band es mit ihren Songs geschafft hat, das alles in mir zu aktivieren nach und nach. Es war eine kathartische Reise innerhalb einer halben Stunde. Ich musste an die USA denken. Die Band selbst kommt aus Minneapolis. Wie lange haben Menschen wie sie davor gewarnt, was jetzt wahr geworden ist und noch wahr werden könnte?

Schon lange nagte der Kapitalismus in der patriarchalen Ordnung, in der wir alle organisiert sind, an den Menschenrechten, an der Gewaltenteilung des Staates und am Schutz unserer natürlichen Ressourcen und schon lange wurde von einigen wenigen reichen und mächtigen Menschen versucht, die Menschheit zu spalten und die Deutungshoheit über die Wahrheit zu erlangen. Ich sage von mir nicht, dass ich das alles durchschaue oder alle Antworten habe. Ich schreibe aus dem Impuls heraus, meine Gedanken zu sortieren und für mich klar zu bekommen, was hier gerade passiert. Und ich komme zu dem Schluss, wie viele andere antifaschistisch denkende Menschen: „Nie wieder“ ist jetzt!.

Das, was weltweit in verschiedenen Ausprägungen und Ausmaßen gerade geschieht, ist ein gewaltiger Wendepunkt.  Wir Menschen, welche jetzt leben, haben meiner Meinung nach die Verantwortung, sich dem versuchten Umsturz von Demokratien, der Verbreitung von Desinformationen und den offenen Drohungen gegen freiheitliche Gesellschaften entgegenzustellen. Was uns sonst droht, das steht vielleicht schon in Büchern wie 1984 von George Orwell, Huxley‘s „Schöner Neuer Welt“ oder in Margaret Atwood’s „Der Report der Magd“. Die Dystopien drohen Wirklichkeit zu werden, gerade weil darin Sachverhalte beschrieben werden, die irgendwo und früher schon einmal passiert sind. Orwell sagte einmal, sein Buch war nicht als Anleitung gedacht und ich geh mit Prof. Dr. Maja Göpel mit, die bei der Re:publica‘25 in ihrer tollen Keynote Rede unter anderem sagte, es braucht eine Aufmerksamkeitsökonomie hin zu dem, was zukunftsfähig und friedfertig ist. https://www.youtube.com/watch?v=f24LHpFbga8 Her mit dem schönen Leben ist keine leere Phrase für mich. Aber wir müssen auch Zeug*innen sein, von dem, was gerade passiert und auch immer bereit uns auf die Seite der Menschen zu stellen, die marginalisiert werden, die verfolgt, verletzt, getötet werden, in den Selbstmord getrieben werden und auf die Seite derer die verschwinden, ohne eine letzte Nachricht hinterlassen zu können. Und am Ende könnte es uns treffen. Die Menschen in den Instagram Posts, die ich mir anschaue, die vor Ort als Zufallsjournalist*innen von Unrecht, von Gewalt und von Verzweiflung berichten, diese Menschen könnten bald wir selbst sein. Deswegen gibt es gerade für mich keine Nichtbetroffenheit. Die Bedrohung ist global, die Antwort muss ein Zusammenhalt sein, der sich über den Globus spannt, eine Solidarität, die uns alle eint und eine Stimme die vielfältig in den schönsten Tönen antwortet auf das Grau der Anzüge , der Uniformen und Dienstwagen und die einheitliche arbeitssame Stille, die uns allen droht, wenn wir denn fähig sind zu folgen.

Johanna nion Blau, 11.07.2025

Über ungelesene Bücher

Gerade bin ich aufgestanden, mich erholend von Träumen, die mir meine Lage bewusst machen. Wir fahren mit dem Bus eine Rampe hoch. Wir wollen zum Bahnhof, aber da ist eine große Kerbe im Gebäude, und ein breiter Riss in der Wand verzweigt sich in viele kleinere Risse.

Aus dem Bus steigend betrachte ich die Steine, aus denen der Weg besteht. Einige ragen hinaus, andere sind eingesunken. Wohin soll ich mich wenden, mit meinem Wunsch nach Sicherheit und Orientierung?

Davor war ich im Traum auf einem Feld mit anderen Leuten, wir gingen zu einem Schrank, der reizvoll „vintage“ aussah und keine wirkliche Funktion erfüllte. Ich sah mich um, das Feld lag brach. Ich ging weiter zu der kleinen Landstraße, von Bäumen gesäumt, darunter hohes grünes Gras, vom Wind bewegt.

Mein moralischer Kompass schlägt gerade zu allen Seiten aus, er leitet mich nicht. Verwirrung komplexester Art ist die Folge. Ich springe gedanklich im Dreieck.

Religion ist keine Option, Ratschläge aus dem Freund*innenkreis sind schön und gut, ich bin es jedoch gewohnt, zu wissen, was ich will. Jedenfalls kannte ich dieses Gefühl, beim Treffen von Entscheidungen, beim Diskutieren und beim Schreiben. Nun sitze ich im Nebel und warte darauf, dass eine unsichtbare Hand, mir den Weg in die richtige Richtung weißt. Doch ohne den Glauben an Richtig und Falsch, Schwarz und Weiß, Gut und Böse, würde ich der Hand nicht folgen, auch wenn ich sie sehen könnte.

Was ist das, was ich suche? Moral war in meinem Denken nie bürgerlich. Doch ganz ohne einen Kodex, komme ich nicht aus. Ich möchte meine Haltung begründen können, die teils radikalen Ansichten nicht auf Sand gebaut wissen. Auf ein festes Fundament möchte ich sie stellen. Darum ist es mir wichtig, mich durch Lesen zu bilden und moralisch auszurichten.

In letzter Zeit kaufe ich mehr Bücher als ich lesen kann. Das ist exemplarisch für: ich will mehr Input als ich Verarbeiten kann. Es passiert so viel in der Welt und ich will mir einen Überblick verschaffen. Das Buch „(Ohn-)Macht überwinden. Politische Bildung in einer zerrissenen Gesellschaft“ von Marcus Hawel und Stefan Kalmring herausgegeben hat mir beim Lesen Hoffnung gemacht, mit seiner klaren Sprache und dem Überschauen von gesellschaftlichen Zusammenhängen. Ich hoffe, ich lese es zu Ende und weiß dann mehr.

James Baldwin wurde vor einhundert Jahren geboren. Ich will alle seine Bücher lesen. Zur Orientierung habe ich mir das Buch-Portrait von René Aguigah gekauft: „James Baldwin. Der Zeuge.“ Ich bin so gespannt darauf. In der Connewitzer Verlagsbuchhandlung gab es eine sehr schön arrangierte Auslage der Bücher von James Baldwin. Ich war versucht, da noch mehr zu erwerben. Doch ich sah „Furies. Stories of the wicked, wild and untamed.” Eine Sammlung von Geschichten berühmter Autor*innen, im Virago Verlag erschienen. Ich kaufte es, weil ich mir dachte, es könnte eine gute Sommerlektüre sein. Und Bianca Sparacino‘s: „The Strength in Our Scars. Was uns Kraft gibt und heilt“ habe ich im Hugendubel erstanden. Es sprach mich an mit seinem „Kintsugi“ Cover, graue Schrift und ein golden verkitteter Riss wandert wie ein Blitz durch den Titel.

Über meinem Schreibtisch habe ich ein Regal angebracht, gefüllt mit meinen zu lesenden Büchern. Ich freue mich darauf, sie zu lesen und auf die Einsichten, die sie mir bringen werden. Ich frage mich jedoch: Wann soll ich das alles lesen? Gerade mit meinen Stimmungen, die nicht immer Ruhe und das Gefühl von Sicherheit in mir hervorrufen: Wie soll ich dann in diesem Zimmer vollgestopft mit Büchern eines auswählen und es von vorn bis hinten durchlesen? Ich fange eins an zu lesen, bin begeistert, lege es zur Seite und fange das nächste an zu lesen. Das macht mich unzufrieden.

Ich werde erinnert, daran wie ich früher gelesen habe. Ein Roman, ein Sachbuch, ein Gedichtband parallel. Wenn ich mit einem davon fertig war, kam das nächste. Das war eine gute Abmachung mit mir selbst. Dann habe ich angefangen, Bücher für schlechte Zeiten zu horten. Ich dachte mir, solange ich Arbeit habe, kann ich mir Bücher kaufen, wenn ich wieder arbeitslos sein sollte, kann ich das nicht mehr. Das ich auch noch in einigen Bibliotheken angemeldet bin, zählte für mich nicht als schlagendes Argument. Genau das Buch, was ich wollen würde, hätte ja gerade ausgeliehen sein können. So habe ich in meinem Zimmer einen Raumteiler gefüllt mit vielen Büchern, viele davon auch gelesen, eine Vitrine, in der ich meine Bücher-Schätze und meine ausgeliehenen Bücher aufbewahre und drei Wandregale thematisch sortiert nach „Lyrik und Schreiben“, „Zu Lesen“, dann noch ein Regal mit kleinen Büchern und Büchern über Anarchismus.

Um ehrlich zu sein, es ist ausgeartet. Meine Impulskontrolle setzt aus, wenn es um interessante Bücher geht. Ein bisschen mögen die Tabletten schuld sein, die ich einnehme. Als Nebenwirkung steht im Beipackzettel geschrieben unter „Gelegentliche Nebenwirkungen: … unkontrollierbares zwanghaftes Einkaufen oder Geldausgeben“.

Das macht es nicht einfacher. Aber ich möchte Verantwortung für mein Bücherkaufverhalten übernehmen. In Schulden habe ich mich deswegen zum Glück noch nicht gestürzt. Ich möchte wieder mehr lesen, weniger scrollen, zocken, glotzen oder bingen, einfach wieder mehr lesen. Dann wäre mein moralischer Kompass auch hoffentlich wieder Up-to-date und ich wäre versorgt mit aktuellen Argumenten gegen unsolidarisches Verhalten, Hetze (online oder in-real life) und auch gegen die aktuelle Militarisierung und den Krieg vor der Haustür. Denn nur fühlen und wissen, dass etwas falsch klingt und dem widersprochen werden muss, reicht mir nicht. Ich möchte rhetorisch einwandfrei dagegen argumentieren können. Das Ziel steht. Auf geht’s in den Park mit höchstens drei Büchern im Gepäck.

Johanna nion Blau, 19.07.2024

Tanzt den Goldenen Reiter

„Trash Disse“ in Connewitz, eine Flasche Sekt geht rum unter den Leuten, die sich auf der Tanzfläche bewegen. Das nächste Lied fadet ein: eine Freundin, mit der ich die Diagnose teile, tanzt sich zu mir durch und meint, das ist unser Lied. Es läuft „Goldener Reiter“ von Joachim Witt. Ich nicke energisch und lache laut. Ja, das ist unser Lied wir umarmen uns und singen lautstark mit. „Hey, hey, hey, ich war der Goldene Reiter. Hey, hey, hey, ich bin ein Kind dieser Stadt. …“
In einem anderen Laden in Connewitz, nicht weit entfernt, aber erst gestern beim „Punk-Konzi“, eine befreundete Band spielt ihren einzigen Coversong. Es ist der „Goldener Reiter“. Ich nehme mir vor einen Text über dieses Lied zu schreiben. Nun sitze ich vor meinem Laptop mit einem Grinsen auf dem Gesicht und feuchten Augen.

Dieses Lied begleitet mich schon eine Weile auf den Tanzflächen der Stadt. Schon davor beim Studium, auch in der Kleinstadt, in der ich mein Abi machte, wurde es bei Diskos des Soziokulturelle Zentrums gespielt. Wann habe ich den Text bewusst wahrgenommen? 2007 habe ich meine erste Psychose durchlebt. Danach nahm ich Medikamente, die sich nicht gut vertragen haben mit Alkohol und habe nicht viel beziehungsweise nicht lange gefeiert. Vier Jahre ohne Alkohol und ich musste erstmal meinen Groove finden ohne dieses Mittel der Enthemmung.

Den Groove habe ich auf der Tanzfläche gefunden. Wie in Trance bewegte ich mich zum Rhythmus und zu den Melodien, die auf mich einwirkten. Meine Muskeln spannten sich rhythmisch an und entspannten sich wieder, genauso wie ich es mir wünschte. Dieses Spiel mit den Melodien belebt mich heute noch genauso und lässt mein Ego so klein werden, wie ein Sandkorn an einem langen, wunderschönen Strand. Wenn ich mich vergesse, bin ich eine von Vielen, nicht mehr und nicht weniger. Tanzen ist mein Rausch geworden.

Joachim Witts Lied „Der Goldene Reiter“ taucht immer wieder auf in diesem Kontext, in der Moritz Bastei bei Studi Partys, sangen Student*innen im ersten Semester dieses Lied mit. Dadurch brach für mich eine Mauer weg. „Lebensbedrohliche Schizophrenie“ verliert etwas vom Schrecken, wenn es durch so viele Kehlen freudig gesungen und betanzt wird.

Zwei Jahre nach meiner zweiten Psychose, bin ich in Kontakt mit der Fotografin Kirsten Becken. Sie möchte ein Artbook herausgeben. Sie möchte darin die Erlebnisse ihrer Mutter künstlerisch bearbeiten und aufarbeiten. 2017 erscheint „Seeing Her Ghosts“ und beinhaltet zahlreiche spannende englische und deutschsprachige Texte und Kunstwerke. Ein Gedicht von mir erscheint unter meinem Geburtsnamen. Ich blättere auf die Seite 57 und finde „Zunder“ abgedruckt neben Joachim Witts Liedtext zu „Goldener Reiter“.

JB-10-2023

Zunder

Ein Kleid genäht aus Zunder
Und wieder geh ich unter.
Schuhe gemacht aus Leid,
Langsam vergeht die Zeit.

Tanze zu Herzenstönen.
Will wieder dem Leben frönen.
Will wieder mit Lachen im Blick,
Weben an meinem Geschick.

JB-10-2016

http://kirstenbecken.de/seeing-her-ghosts/

Kunstfilm: Ihre Geister sehen von Kirsten Becken: https://www.youtube.com/watch?v=0pafjlo2Vqw