Das Licht taut und darunter schwimmen die kalten Knochen im Malstrom. Ich beobachte das Bild und schaudere.
Ich flüchte in Traumwelten: in Biedermeier-Scheuersamstage und Klemptner*innen-Einsätze, zu den Flackernden Lichtern der Bildschirme: Playsi, Streaming oder Neurofeedback; egal: nur keine Nachrichten.
Auf Arbeit alltägliche Horrorgeschichten und Empowerment auf persönlicher Ebene. Nachweislich professionell nah, dokumentieren nicht vergessen.
Ich will keinen Krieg. In meiner Watchlist: 1917. Ich will Frieden. Und ich lese das „Tagebuch eines Zwangsarbeiters“ von Jan Bazuin. So viele Zeug*innen tot, das Papier redet an ihrer Stelle und das Unvorstellbare zementiert eine Anstalt in meinen Kopf, zu der ich immer noch gedanklich fliehe. Die Exkursion nach Pirna-Sonnenstein steht im Kalender. Was erwartet neurodiverse Menschen in der neuesten Dystopie?
Ich holpere durch die Straßen auf dem Rad, auf dem Weg zur nächsten überraschten Begegnung und rufe in Gesprächen „Nicht Spoilern!“.
Das Wort ist Gebrechen, der Satz ein Stock, auf den ich mich stütze. Der Punkt, die Gedankenpause. Verheddert bin ich, mit mehreren Wirklichkeiten umwickelt. Zwei waren doch genug! Es reiht sich in die Furcht, die Verwirrung: wie das auseinanderhalten, was zusammengehört? Wenn doch alles in mir ruft: „Zuviel, ich ertrage es nicht. Dieses Leiden und den Tod und die entsetzliche Macht so weniger Menschen über so viele.“
Dabei bin ich nicht krank und nicht gesund. Dabei bin ich nicht auf der Flucht und nicht daheim. Dabei bin ich nicht verzweifelt und auch nicht glücklich. Zwischenstand: ich bin am Leben. Ich bin (noch) in Sicherheit. Ich bin dabei zu heilen, wie lange noch? Gib mir mehr Zeit, ich will wissen, wie es ist, mit gesundem Selbstbewusstsein zu l(i)eben.
Das Leben will gelebt werden. Und werde ich mutiger, ehrlicher, ich fange wieder an zu schreiben. Für mich und andere. Das Leben will gelebt werden. In meinen Kleinen Kreisen verbirgt sich das nicht möglich Erscheinende: Hoffnung.
Der Malstrom wird dann zwischenzeitlich wieder zugedeckt von Licht. Und ohne Biedermeierernst stromere ich durch die Parks der Stadt. Höre anderen Menschen zu, die andere Sprachen sprechen, die ich (noch) nicht verstehe.
Wie schön wäre es, wenn überall friedlich sich begegnen und umarmen die, die das Weltall mit Super-Teleskopen erfassen und begreifen mit Blick zurück auf den Planeten, der uns gebar. Tief blicken wir heute in die Tiefen der Zeit. Wir sehen Augen und Fledermäuse da, wo Muster aus Materie sich verstricken. Ist der Glaube unser Ziel, oder zu wissen? Und ist es möglich, dieses Wissen auf Dauer oder bis zum Ende zu ertragen: Es hätte nicht so kommen müssen, es hätte schön sein können für alle: Pflanzen, Tiere, Menschen.
JB-07-2022
Foto: Selbstportrait Autorin, Rollschuhbahn am Silbersee, Juli 2022
Bunt, spiralig aufsteigend, wie Rauch umschwebt ein Begriff meinen Körper. Ich versuche ihn zu greifen, er verströmt sich weiter. Er tanzt um mich, neckt mich, verschwindet in einer Lampe, die keine Wünsche erfüllt, jedenfalls nicht meine. Ich entdecke, wer ich bin, nicht wer ich sein möchte.
Das rauchige Wort ist Bedingung, keine Bedienungsanleitung, ein Leitfaden, vielleicht, oder Nichts.
Mein Leben spielt die größte Rolle, nicht mein Körper. Ich bin was ich tue, was ich fühle, was ich träume. Das Rollenspiel gehört ernst genommen. So viele Rollen, die verzaubern und ent-setzen.
Das Wort: Sie. Ich drehe und wende es, ich spiegele es. Ich verbrenne es. Der Rauch, der aufsteigt, nimmt meine Gedanken mit.
Ich warte auf den Untergang So fühlt sich das an Kalte Nudelpfanne plus Youtubemix = Corona Quarantäne Keine Träne mehr, nur noch zitternde Gesichtsmuskulatur Den neuen Rucksack wieder ausgepackt Das Schreiben nachjustiert Auf Allerhand Liederliches Was mir im Kopf herumschnellt Heraus kommt Selbstzensur Wer liest denn mit? Die Paranoia und die Zündschnur Immer. JB 04-2022
In allen Dingen will ich offen sein und frei, ohne anderen zu schaden. In mir soll Frieden sein, so dass die Kriege im Außen sich zersetzen. Meine Liebe soll so leicht sein, wie die Feder eines Kolibri. Bis in die Sterne will ich tanzen, Wüste und Wald sind sich von dort aus so nah.
Doch sitzen mir ranzige Früchte im Herzen. Sterben mir die Träume, wie die Fliegen im Herbst. Träume doch um diese Ödnis, denn mein Lied will überleben. Zerfurcht der Boden ohne Saat; das schaumige Meer schreit mich an! Die Felder tot, die Wasser giftig, warum können wir so leben?
Und dann der Krieg so nah. In meiner Panik versuche ich zu fliehen. Hin zu Märchen, Mythen und Legenden. Was tun, wenn es im Kleinen wie im Großen knallt. Der Lebensfunke diese Hoffnungsbrücke nicht mehr baut.
Kleidung zerfetzt, sitz ich im Traum auf dem glänzenden Asphalt. Wache auf; Starre aus meinem Traumhaus wortlos zur Tür hinaus. Die Balken biegen sich, sobald ich spreche. Die Fenster flattern mir, wie in einem Sturm. Die Worte ziehen hin ungesagt, geschmacklos.
Das Leben schleicht sich davon mit der Wahrheit. Sie sprechen: „Uns will hier keiner mehr.“ Und wieder heißt es: „Kämpfen oder Flüchten oder Tod.“ Alle verlieren, wenn die Lüge die Wahrheit bedroht. Kein Sieg ist möglich fehlt allen das Brot.
Die Hoffnung schmilzt. Sie sickert ein in den Boden. Tränkt die Samen gesammelt und verwahrt von Vavilov. Keim auf Keim wird den überleben, der in Stalins Fußstapfen stolpert. Denn wenn nicht der Frieden siegt, wird es die Totenstille sein.