Ich hoffe …

Ich hoffe, der Wind…

Ich hoffe, der Wirbelwind…

…Fegt alles davon

Ich hoffe, der Regen…

Ich hoffe, der Starkregen…

…Wäscht alles davon,

Was jemals in den Ecken meiner Unvernunft keimte.

Und doch: Schmeckte es wie die Speise der Götter nach Erkenntnis.

Die anderen, die nicht verstanden, waren mein Leid.

Die anderen, die mich versteckten, waren mein Leiden.

Das davon gefegte Wort, das davon gespülte Gefühl.

Wie heilig in meinem Innern, seit damals, hege ich die Blüten dieses Sommers.

Verdammte Blüten eines Sommers, der mir Erkenntnis brachte,
Verdammte Blüten eines Sommers, die mich unkenntlich machten für andere.

Das Drama, ist die Note, die misslingt, obwohl sie gelingt.

Das Drama, ist die Szene, die unangenehm nachwirkt nur durch ihre Intensität.

Das Drama, ist die Seite, deren Sätze überblättern werden, aus einem komischen Gefühl heraus.

Nicht ich bin falsch. Nicht das Leben, das ich lebe, ist falsch.

Die Erkenntnis, dass ich hinsehe, hinhöre, hinschreibe und nicht mehr wahnsinnig werde dabei, ist schmerzlich schön.

JB*04*2022

Spiegelkabinett der offenen Türen

Meine Texte sollten Spiegel für mich sein, in die ich gern schaue. In letzter Zeit, hatten meine Spiegel Sprünge oder waren teilweise blind. Was mich angeht, hat etwas Wichtiges gefehlt. Bin ich ehrlich zu mir und in dem, was ich schreibe? Nicht mehr wirklich, war ich es je? Ja, soweit ich mir Dinge bewusst gemacht habe, und diese auch zum Anlass genommen habe, zu schreiben, war ich ehrlich. Aber nun vermeide ich ein Thema, was mir gerade essenziell wichtig ist: Einen Teil meiner Identität. Ich bin in Vielem uneins mit mir; was ich weiß, ist: Ich bin bi.

Gerade lese ich, wie vielleicht viele andere auch Julia Shaws Buch „Bi“ und bin erstaunt, entsetzt aber auch oft glücklich über die Fakten, die dieses Buch bereithält. Das Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gruppe ging mir meist ab. Egal ob Musikstil oder Hobby oder auch sexuelle Orientierung, ich fühlte mich nie, als würde ich genau passen, als wäre ich irgendwo zu Hause oder auch willkommen. Natürlich habe ich Orte, an denen ich mich wohlfühle, aber so richtig zu Hause fühle ich mich unter anderen Leuten nur sehr selten. Das hat mit Grübeln zu tun und mit Unsicherheiten, vielleicht auch einfach damit, dass ich mir selbst gegenüber lange nicht ehrlich war.

Vor ein paar Jahren habe ich mit Freund*innen darüber gesprochen, dass ich mich in Menschen verliebe, nicht in Körper. In einer Facebook Gruppe postete ich einmal „Pan und demi in der Pandemie.“ Das sind alles Schlagworte, die tiefer führen zu Sätzen, die für mich noch nicht ansatzweise alle mit Ausrufezeichen oder Punkt enden. Da gibt es viele Fragezeichen. Wie gestaltet sich eine Partnerschaft, in der ich mich wohlfühle? Mit wem kann ich mich gut austauschen über Unsicherheiten und Fragen? Wo kann ich am besten Feiern und mit wem?

Der Käfig, in den ich mich lange selbst gesperrt habe, steht offen und ich habe Bedenken, ihn zu verlassen. Ein Schritt in diese Richtung, ist dieser Text. Ich schreibe ihn, nach einem Stimmungstief oder noch in einem Tief. Ich bin erkältet, und ich gerade wieder klar genug im Denken, dass ich Sätze formulieren kann.

Ich will mich feiern, wie ich bin. Ich will tanzen und lieben und froh sein. Ich habe ein Recht darauf, wie alle anderen. Es bricht mir, dass Herz, wenn Menschen dafür verfolgt werden, dass sie lieben. Wir alle wünschen uns Liebe in unserem Leben. Den Weg der Angst und des Hasses zu gehen, um da hinzugelangen, ist absurd und für so viele Menschen tödlich.

Gerade habe ich das Gefühl mich zu weit aus dem Fenster zu lehnen. Wer bin ich, dass ich für andere sprechen kann. Aber ich will zu einem Gegenüber sprechen. Zu dir. Zu Ihnen. Zu euch. Das hat sich geändert. Darum wohl auch dieser Text. Wenn ich frei sein will, muss ich mich befreien vom Tabu, von der Selbststigmatisierung, von allen Blicken, die mich zurück in den Schrank schicken wollen.

Ich habe Vorbilder und ich werde weiterlesen, mich inspirieren lassen, sei es vom Blutbuch oder durch Essays von Ursula K. Le Guin, Toni Morrison, Margret Atwood, bell hooks, und so vielen weiteren. Diese schmerzlich schöne Reise beginne ich hier:  Sitzend an meinem Schreibgerät mit einem verschmitztem Lächeln im Gesicht.
Ich bin, wer ich bin; wer bin ich? In diesem Leben gibt es so viel noch zu entdecken, manche Türen stehen speerangelweit offen, andere warten darauf, herzlich eingetreten zu werden. Lasst uns das zusammen tun, lasst uns feiern und kämpfen, bis alle, aber auch alle Türen Allen offenstehen.

Johanna Blau, 7.11.2022

Felsenkiefer

Trotz allem lebe ich, wachse schmerzlich langsam. 
Meine Wurzeln krallen sich fest ins Geröll, 
Klammern sich an den Fels und essen die spärliche Erde.

Der Wind zerrt an mir, an meinen Nadeln, 
Meine Äste formen sich nach dem Wetter und den Umständen.
Doch die Aussicht entschädigt aufs Höchste. 

Das Leben scheint mir zu in Form von Sonne und Mond.
Ich freue mich auf ihr Kreisen und weiß, 
Dass es sich lohnt zu sein, was ich werde.

JB 16.10.22

To Witness

Clarity is scarce / For one moment at a time / The heat is rising / So am I

Dear Future Children, I am oh so sorry / I would love to say to you: Don’t Worry

But I tell you that we will have failed / As soon as you will be born / And breath this planets air

For you must now live with the big heat, the hunger, and the fires everywhere

So many righteous people try to fight this very future / And for that they are jailed.

The heat is rising now, and so are they.

But they must fight lies, bullets and poverty.

How to witness all this madness and to keep my very sanity?

The road is empty of righteous voices for now at so many foremost beautiful places

I watched people making heavy choices and how

They lost friends, lost hope, lost their lives, what now?

One dives into sadness and frustration watching all of this / Faith and action are heavy to live up to

To witness streets, empty of the people who live there / I want to become brave and stable / Not afraid anymore, but capable

I want to become a vessel of justice / A Pandoras’ Box / For them who abuse and kill and silence

I want to end their violence / Give my hope to the people like a cunning fox / To start over the good riot worldwide

A Stone is growing in my heart, I want to pull it out

But this heavy stone can’t be moved alone.

Together let’s throw it into the ocean with a victorious shout.

Let the waves do the rest.

Do not detest freedom anymore / United we will be best, as we stand up for our dignity and a freely breathing chest.

JB-07-2022

Wirklichkeiten

Das Licht taut und darunter schwimmen die kalten Knochen im Malstrom. Ich beobachte das Bild und schaudere.

Ich flüchte in Traumwelten: in Biedermeier-Scheuersamstage und Klemptner*innen-Einsätze, zu den Flackernden Lichtern der Bildschirme: Playsi, Streaming oder Neurofeedback; egal: nur keine Nachrichten.

Auf Arbeit alltägliche Horrorgeschichten und Empowerment auf persönlicher Ebene. Nachweislich professionell nah, dokumentieren nicht vergessen.

Ich will keinen Krieg. In meiner Watchlist: 1917. Ich will Frieden. Und ich lese das „Tagebuch eines Zwangsarbeiters“ von Jan Bazuin. So viele Zeug*innen tot, das Papier redet an ihrer Stelle und das Unvorstellbare zementiert eine Anstalt in meinen Kopf, zu der ich immer noch gedanklich fliehe. Die Exkursion nach Pirna-Sonnenstein steht im Kalender. Was erwartet neurodiverse Menschen in der neuesten Dystopie?

Ich holpere durch die Straßen auf dem Rad, auf dem Weg zur nächsten überraschten Begegnung und rufe in Gesprächen „Nicht Spoilern!“.

Das Wort ist Gebrechen, der Satz ein Stock, auf den ich mich stütze. Der Punkt, die Gedankenpause. Verheddert bin ich, mit mehreren Wirklichkeiten umwickelt. Zwei waren doch genug! Es reiht sich in die Furcht, die Verwirrung: wie das auseinanderhalten, was zusammengehört? Wenn doch alles in mir ruft: „Zuviel, ich ertrage es nicht. Dieses Leiden und den Tod und die entsetzliche Macht so weniger Menschen über so viele.“

Dabei bin ich nicht krank und nicht gesund. Dabei bin ich nicht auf der Flucht und nicht daheim. Dabei bin ich nicht verzweifelt und auch nicht glücklich. Zwischenstand: ich bin am Leben. Ich bin (noch) in Sicherheit. Ich bin dabei zu heilen, wie lange noch? Gib mir mehr Zeit, ich will wissen, wie es ist, mit gesundem Selbstbewusstsein zu l(i)eben.

Das Leben will gelebt werden. Und werde ich mutiger, ehrlicher, ich fange wieder an zu schreiben. Für mich und andere. Das Leben will gelebt werden. In meinen Kleinen Kreisen verbirgt sich das nicht möglich Erscheinende: Hoffnung.

Der Malstrom wird dann zwischenzeitlich wieder zugedeckt von Licht. Und ohne Biedermeierernst stromere ich durch die Parks der Stadt. Höre anderen Menschen zu, die andere Sprachen sprechen, die ich (noch) nicht verstehe.

Wie schön wäre es, wenn überall friedlich sich begegnen und umarmen die, die das Weltall mit Super-Teleskopen erfassen und begreifen mit Blick zurück auf den Planeten, der uns gebar. Tief blicken wir heute in die Tiefen der Zeit. Wir sehen Augen und Fledermäuse da, wo Muster aus Materie sich verstricken. Ist der Glaube unser Ziel, oder zu wissen? Und ist es möglich, dieses Wissen auf Dauer oder bis zum Ende zu ertragen: Es hätte nicht so kommen müssen, es hätte schön sein können für alle: Pflanzen, Tiere, Menschen.

JB-07-2022

von der Autorin gemachtes Selbstporträt in schwarz-weiss, sie trägt eine große Brille und auf ihrem Kapuzenpullover ist ein Aufnäher gestickt: Stop Femicide. Sie schaut links an der Kamera vorbei und lächelt etwas.
Foto: Selbstportrait Autorin, Rollschuhbahn am Silbersee, Juli 2022

Sie / Her / ?

Bunt, spiralig aufsteigend, wie Rauch umschwebt ein Begriff meinen Körper. Ich versuche ihn zu greifen, er verströmt sich weiter. Er tanzt um mich, neckt mich, verschwindet in einer Lampe, die keine Wünsche erfüllt, jedenfalls nicht meine. Ich entdecke, wer ich bin, nicht wer ich sein möchte.

Das rauchige Wort ist Bedingung, keine Bedienungsanleitung, ein Leitfaden, vielleicht, oder Nichts.

Mein Leben spielt die größte Rolle, nicht mein Körper. Ich bin was ich tue, was ich fühle, was ich träume. Das Rollenspiel gehört ernst genommen. So viele Rollen, die verzaubern und ent-setzen.

Das Wort: Sie. Ich drehe und wende es, ich spiegele es. Ich verbrenne es. Der Rauch, der aufsteigt, nimmt meine Gedanken mit.

Johanna Blau 21.6.2022

Royal Rats

Present Ruins of civilization
Trains to get to Nowhere
Slightly impressive voice
Want to hear them swear
Bad, Bad Choice

Hungry for Madness
It flashes away all the madness around me
All people struggle, All day
Thoughts like rain in november
Roads that are not signed by rubber anymore.

In my body: decline and gore
My soul is flying over it, it wants to remember
But also Wants to get away for sure
240 years from now
Less rain, less green, less a horror show

We fucked up, we survived, 
we rule it, a hot, hot earth, 
no whale sighs in the dirt, 
the rats wait for us to rot away, 
the rats will rule someday